GENERALAUDIENZ 2009 8

8 Berühmt wurde er, wie schon gesagt, durch das Werk Die Leiter (Klimax), das im Westen als Scala Paradisi (Die Himmelsleiter) bezeichnet wurde (, 632-1164). Die Leiter, die auf dringliche Bitte des Abtes des nahen Klosters von Raithu am Sinai verfaßt wurde, ist ein vollständiger Traktat über das geistliche Leben, in dem Johannes den monastischen Weg vom Verzicht auf die Welt bis hin zur Vollkommenheit der Liebe beschreibt. Es ist ein Weg, der nach diesem Buch über dreißig Stufen verläuft, von denen jede mit der nachfolgenden verbunden ist. Der Weg kann in drei aufeinanderfolgenden Etappen zusammengefaßt werden: Die erste Etappe kommt im Bruch mit der Welt zum Ausdruck mit dem Ziel, in den Zustand der Kindheit, wie er dem Evangelium entspricht, zurückzukehren. Das Wesentliche ist also nicht der Bruch, sondern die Verbundenheit mit dem, was Jesus gesagt hat, das heißt, zur wahren Kindheit im geistlichen Sinn zurückzukehren, zu werden wie die Kinder. Johannes kommentiert: »Ein gutes Fundament ist jenes, das aus drei Grundlagen und aus drei Säulen gebildet ist: Unschuld, Fasten und Keuschheit. Alle in Christus Neugeborenen (vgl. 1Co 3,1) sollen mit diesen beginnen, indem sie sich jene zum Vorbild nehmen, die leiblich Neugeborene sind« (1,20; 636). Die freiwillige Trennung von den Menschen und Orten, die einem teuer sind, ermöglicht der Seele, in tiefere Gemeinschaft mit Gott einzutreten. Dieser Verzicht mündet in den Gehorsam, der der Weg zur Demut durch die Demütigungen - an denen es nie fehlen wird - seitens der Brüder ist. Johannes kommentiert: »Selig derjenige, der seinen Willen bis zum Ende erniedrigt und die Sorge um die eigene Person seinem Meister im Herrn anvertraut hat: Er wird in der Tat zur Rechten des Gekreuzigten stehen!« (4,37; 704).

Die zweite Etappe des Weges besteht im geistlichen Kampf gegen die Leidenschaften. Jede Stufe der Leiter ist mit einer Hauptleidenschaft verbunden, die mit Angabe der Therapie und mit dem Vorschlag der entsprechenden Tugend definiert und diagnostiziert wird. Die Einheitlichkeit dieser Stufen stellt zweifellos die wichtigste Lehrschrift zu einer geistlichen Strategie dar, die wir besitzen. Der Kampf gegen die Leidenschaften nimmt jedoch dank des Bildes vom »Feuer« des Heiligen Geistes positiven Charakter an - er bleibt nicht negativ: »Alle, die diesen guten Kampf des Glaubens kämpfen (vgl. 1Tm 6,12), der hart und schwierig ist, […], sollen wissen, daß sie gekommen sind, um sich in ein Feuer zu werfen, wenn sie es wirklich wünschen, auf daß das immaterielle Feuer in ihnen wohne« (1,18; 636). Das Feuer des Heiligen Geistes, das das Feuer der Liebe und der Wahrheit ist. Allein die Kraft des Heiligen Geistes sichert den Sieg. Aber nach Johannes Climacus ist es wichtig, sich bewußt zu machen, daß die Leidenschaften nicht an sich schlecht sind; sie werden es durch den schlechten Gebrauch, den die Freiheit des Menschen von ihnen macht. Wenn sie geläutert sind, erschließen die Leidenschaften dem Menschen den Weg zu Gott, mit Energien, die durch die Askese und die Gnade zu einer Einheit verbunden sind, und, »wenn sie vom Schöpfer eine Ordnung und einen Anfang empfangen haben…, ist die Tugend grenzenlos« (26/2,37; 1068).

Die letzte Etappe des Weges ist die christliche Vollkommenheit, die sich auf den letzten sieben Stufen der »Leiter« entwickelt. Sie sind die höchsten Stadien des geistlichen Lebens, die von den »Hesychasten«, den Einsamen, erfahren werden können, also jenen, die zur Ruhe und zum inneren Frieden gelangt sind; aber es sind Stadien, die auch für die eifrigsten Mönche erreichbar sind. Von den ersten drei Stadien - Einfachheit, Demut und (Fähigkeit zur) Unterscheidung - hält Johannes in Übereinstimmung mit den Wüstenvätern das letzte für das wichtigste, das heißt die Unterscheidungsfähigkeit. Jedes Verhalten muß der Unterscheidung unterzogen werden; alles hängt nämlich von den tiefen Beweggründen ab, die es abzuwägen gilt. Hier tritt man in das Innerste des Menschen ein, und es geht darum, im Einsiedler, im Christen die geistliche Sensibilität und den »Herzenssinn« - Gaben Gottes - zu wecken: »Als Leitbild und Regel in allen Dingen müssen wir nach Gott unserem Gewissen folgen« (26/1,5; 1013). Auf diese Weise gelangt man zur Seelenruhe, zur »hesychía«, dank welcher die Seele auf den Abgrund der göttlichen Geheimnisse blicken kann.

Der Zustand der Ruhe, des inneren Friedens bereitet den Hesychasten auf das Gebet vor, das bei Johannes ein zweifaches ist: das »leibliche Gebet« und das »Gebet des Herzens«. Das erste gehört zu dem, der sich von Körperhaltungen helfen lassen muß: die Hände ausstrecken, ein Seufzen von sich geben, sich auf die Brust schlagen usw. (15,26; 900); das zweite ist spontan, da es eine Wirkung des Erwachens der geistlichen Sensibilität ist, Geschenk Gottes für den, der sich dem leiblichen Gebet widmet. Bei Johannes nimmt es den Namen »Jesusgebet« an (Iesoû euché)und besteht in der Anrufung allein des Namens Jesu, eine ständige, mit dem Atem einhergehende Anrufung: »Das Gedächtnis Jesu werde ganz eins mit deinem Atem, und dann wirst du den Nutzen der hesychía kennen«, des inneren Friedens (27/2,26; 1112). Schließlich wird das Gebet sehr einfach, einfach das Wort »Jesus«, eins geworden mit unserem Atem.

Die letzte Stufe der Leiter (30), durchdrungen von der »nüchternen Trunkenheit des Geistes«, ist der höchsten »Dreiheit der Tugenden« gewidmet: dem Glauben, der Hoffnung und vor allem der Liebe. Von der Liebe spricht Johannes auch als éros (menschliche Liebe), Gestalt der ehelichen Vereinigung der Seele mit Gott. Und er wählt noch einmal das Bild des Feuers, um die Glut, das Licht, die Läuterung der Liebe für Gott zum Ausdruck zu bringen. Die Kraft der menschlichen Liebe kann wieder auf Gott ausgerichtet werden, so wie in den wilden Ölbaum ein edler Ölbaum eingepfropft werden kann (vgl. Rm 11,24) (15,66; 893). Johannes ist davon überzeugt, daß eine eindringliche Erfahrung dieses éros die Seele sehr viel mehr vorankommen lasse als der harte Kampf gegen die Leidenschaften, da seine Macht groß ist. Es herrscht auf unserem Weg also die Positivität vor. Aber die Liebe wird auch in enger Beziehung zur Hoffnung gesehen: »Die Kraft der Liebe ist die Hoffnung: dank ihr erwarten wir den Lohn der Liebe… Die Hoffnung ist die Tür der Liebe… Die Abwesenheit der Hoffnung vernichtet die Liebe: An sie sind unsere Mühen gebunden, von ihr werden unsere Mühsale getragen, und dank ihr sind wir von der Barmherzigkeit Gottes umgeben« (30,16; 1157). Das Ende der »Leiter« enthält die Zusammenfassung des Werkes, mit Worten, die der Verfasser Gott selbst sprechen läßt: »Diese Leiter möge dich die geistliche Ordnung der Tugenden lehren. Ich stehe auf der Spitze dieser Leiter, wie mein großer Initiierter (der hl. Paulus) sagte: ›Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe‹ (1Co 13,13)!« (30,18; 1160).

An diesem Punkt stellt sich eine letzte Frage: Kann Die Leiter, ein von einem Einsiedlermönch - der vor 1400 Jahren gelebt hat - geschriebenes Werk, uns heute noch etwas sagen? Kann der existentielle Werdegang eines Mannes, der immer auf dem Berg Sinai in einer so fernen Zeit gelebt hat, für uns eine Aktualität besitzen? In einem ersten Moment würde es scheinen, daß die Antwort »Nein« lauten müsse, da Johannes Climacus zu weit von uns entfernt ist. Wenn wir die Sache jedoch näher betrachten, sehen wir, daß jenes monastische Leben nur ein großes Symbol des Lebens aus der Taufe, des Lebens als Christ ist. Es zeigt sozusagen in Großbuchstaben das, was wir Tag für Tag in Kleinbuchstaben schreiben. Es handelt sich um ein prophetisches Symbol, das offenbart, was das Leben des Getauften in Gemeinschaft mit Christus, mit seinem Tod und seiner Auferstehung, ist. Für mich ist die Tatsache besonders wichtig, daß der Höhepunkt der »Leiter «, die letzten Stufen, gleichzeitig die grundlegenden, anfänglichen, einfachsten Tugenden sind: der Glaube, die Hoffnung und die Liebe. Es sind keine Tugenden, die nur moralischen Helden zugänglich sind, sondern sie sind Geschenk Gottes an alle Getauften: In ihnen wächst auch unser Leben. Der Anfang ist auch das Ende, der Ausgangspunkt ist auch der Ankunftspunkt: Der ganze Weg läuft auf eine immer radikalere Verwirklichung von Glaube, Hoffnung und Liebe hinaus. In diesen Tugenden ist der gesamte Aufstieg gegenwärtig. Grundlegend ist der Glaube, da diese Tugend einschließt, daß ich auf meine Arroganz, auf mein Denken, auf den Anspruch verzichte, allein zu urteilen, ohne mich anderen anzuvertrauen. Dieser Weg zur Demut, zur geistlichen Kindschaft ist notwendig: Wir müssen die Haltung der Arroganz überwinden, die uns sagen läßt: Ich weiß es in dieser meiner Zeit des 21. Jahrhunderts besser, als es jene damals hätten wissen können. Man soll sich jedoch nur der Heiligen Schrift, dem Wort des Herrn anvertrauen; man muß demütig an den Horizont des Glaubens herangehen, um so in die enorme Weite der universalen Welt, der Welt Gottes einzutreten. Auf diese Weise wächst unsere Seele, wächst die Sensibilität des Herzens für Gott. Johannes Climacus sagt mit Recht, daß uns allein die Hoffnung dazu befähigt, die Liebe zu leben. Die Hoffnung, in der wir die Dinge des Alltags überschreiten; wir erwarten den Erfolg nicht in unseren irdischen Tagen, sondern wir erwarten am Ende die Offenbarung Gottes selbst. Allein in dieser Weite unserer Seele, in dieser Selbsttranszendenz wird unser Leben groß. Wir können die täglichen Mühen und Enttäuschungen ertragen und können mit den anderen gut sein, ohne uns Belohnung zu erwarten. Nur wenn es Gott gibt, diese große Hoffnung, nach der ich strebe, kann ich jeden Tag die kleinen Schritte meines Lebens tun und so die Liebe lernen. In der Liebe verbirgt sich das Geheimnis des Gebetes, der persönlichen Kenntnis Jesu: ein einfaches Gebet, das allein danach strebt, das Herz des göttlichen Meisters zu berühren. Und so öffnet man das eigene Herz, lernt von Ihm seine Güte, seine Liebe. Nutzen wir also diesen »Aufstieg« des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe; so werden wir zum wahren Leben gelangen.

Nach dem Katechesenzyklus über den heiligen Paulus möchte ich nun wieder die Vorstellung bedeutender Kirchenschriftsteller aufnehmen. Heute setzen wir diese Reihe mit Johannes Climacus fort. Um 575 geboren, wurde Johannes mit 16 Jahren Mönch auf dem Sinai. 40 Jahre lang lebte er als Eremit, ehe er Abt des großen Mönchsklosters auf dem Berg Sinai wurde. Sein Beiname „Climacus", abgeleitet vom griechischen Wort klimax (die Leiter), rührt von seinem Hauptwerk „Paradiesesleiter" her. In dieser Abhandlung beschreibt Johannes in dreißig Stufen den geistlichen Aufstieg des Mönches. In einer ersten Phase, der Askese, erfolgt die Abkehr von der Welt als Voraussetzung für eine tiefere Gemeinschaft mit Gott. Der weitere Weg besteht in der Läuterung, im geistlichen Kampf gegen die Leidenschaften. Diese sind nicht in sich schlecht, es kommt aber auf deren rechten Gebrauch an. Wenn der Mönch sich dem Feuer des Heiligen Geistes aussetzt, kann er diesen Kampf siegreich führen. In der dritten Phase des Aufstiegs wird durch Demut und vor allem durch die Unterscheidungsgabe die geistliche Empfindsamkeit des Herzens geweckt. So gelangt der Mönch zur Ruhe der Seele, der hesychía. Diese Herzensruhe bereitet das Gebet vor - das körperliche Gebet und das Herzensgebet. Johannes spricht hier auch vom „Jesusgebet". Am Ende der Leiter steht die vollendete Dreiheit der Tugenden Glaube, Hoffnung, Liebe. Ziel des monastischen Lebens ist die Vereinigung mit Gott im Gebet und in der Liebe.
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Gerne heiße ich alle Besucher deutscher Sprache willkommen. Besonders grüße ich die Dechanten aus der Diözese Graz-Seckau mit Bischof Kapellari und die Journalisten, die er mitgebracht hat, sowie die Studierenden des Kirchenrechts der Universitäten Augsburg, Bochum, München und Potsdam. Das Bild der Leiter der Tugenden, wie es der heilige Johannes Climacus beschreibt, soll uns helfen, den Aufstieg zu wagen und Menschen zu sein, die auf der Höhe leben, auf der Höhe sind, nicht auf der Höhe der Zeit, sondern mehr: auf der Höhe Gottes. Dazu möge uns der Herr seine Gnade schenken.



Mittwoch, 18. Februar 2009

Der Hl. Beda Venerabilis

9 Liebe Brüder und Schwestern!

Der Heilige, mit dem wir uns heute befassen, heißt Beda und wurde im Jahr 672/673 im Nordosten Englands, genau in Northumber, geboren. Er selbst berichtet, daß ihn seine Eltern im Alter von sieben Jahren dem Abt des nahegelegenen Benediktinerklosters zur Erziehung anvertraut hatten: »In diesem Kloster«, so erinnert er sich, »habe ich von da an immer gelebt, wobei ich mich intensiv dem Studium der Heiligen Schrift widmete, und während ich die Disziplin der Ordensregel und die Verpflichtung, täglich in der Kirche zu singen, einhielt, war es für mich immer wohltuend, entweder zu lernen oder zu lehren oder zu schreiben« (Historia eccl. Anglorum, V, 24). In der Tat wurde Beda zu einer der berühmtesten Gelehrtengestalten des frühen Mittelalters, konnte er doch von den vielen kostbaren Handschriften Gebrauch machen, die ihm seine Äbte nach ihrer Rückkehr von den häufigen Reisen auf den Kontinent und nach Rom mitbrachten. Die Lehre und der Ruhm der Schriften verschafften ihm viele Freundschaften mit den wichtigsten Persönlichkeiten seiner Zeit, die ihn zur Fortsetzung seiner Arbeit ermutigten, aus der viele Nutzen zogen. Auch als er schon krank war, hörte er nicht zu arbeiten auf und bewahrte stets eine innere Freude, die im Gebet und im Gesang zum Ausdruck kam. Sein bedeutendstes Werk, die Historia ecclesiastica gentis Anglorum [Kirchengeschichte des englischen Volkes], schloß er mit der Anrufung: »Ich bitte dich, guter Jesus, der du mich wohlwollend die süßen Worte deiner Weisheit schöpfen ließest, laß mich in deiner Güte eines Tages zu dir, Quelle aller Weisheit, gelangen und für immer vor deinem Angesicht verweilen«. Der Tod ereilte ihn am 26. Mai 735: Es war das Fest Christi Himmelfahrt.

Die Heilige Schrift ist die ständige Quelle der theologischen Reflexion Bedas. Nach einem sorgfältigen kritischen Studium des Textes (eine Abschrift des monumentalen »Codex Amiatinus« der Vulgata, über den Beda arbeitete, ist uns überliefert) kommentiert er die Bibel, indem er sie mit einem christologischen Schlüssel liest, das heißt zwei Dinge vereint: Einerseits hört er, was der Text genau sagt - er will wirklich hören, den Text selbst verstehen; andererseits ist er überzeugt, daß der Schlüssel zum Verstehen der Heiligen Schrift als einziges Wort Gottes Christus ist und daß mit Christus, in seinem Licht, das Alte und das Neue Testament als »eine« Heilige Schrift zu verstehen sind. Die Ereignisse des Alten und des Neuen Testaments gehören zusammen, sie sind der Weg zu Christus, auch wenn sie in verschiedenen Zeichen und Einrichtungen ausgedrückt werden (er nennt das »concordia sacramentorum«). So sind zum Beispiel das Bundeszelt, das Mose in der Wüste errichtete, und der erste und zweite Tempel Jerusalems Bilder für die Kirche, den neuen Tempel, der auf Christus und den Aposteln aus lebendigen Steinen erbaut worden ist, die fest zusammengefügt sind durch die Liebe des Heiligen Geistes. Und wie zur Errichtung des alten Tempels auch Heidenvölker dadurch beigetragen haben, indem sie hochwertige Materialien und die technische Erfahrung ihrer Maurermeister zur Verfügung stellten, so tragen zum Aufbau der Kirche Apostel und Lehrer bei, die nicht nur aus den alten jüdischen, griechischen und lateinischen Stämmen kommen, sondern auch aus neuen Völkern, zu denen Beda gern die irischen Kelten und die Angelsachsen zählt. Der hl. Beda sieht die Universalität der Kirche wachsen, die nicht auf eine bestimmte Kultur beschränkt ist, sondern sich aus allen Kulturen der Welt zusammensetzt, die sich Christus öffnen und in ihm ihren Ankunftspunkt sehen sollen.

Ein anderes Lieblingsthema Bedas ist die Geschichte der Kirche. Nachdem er sich mit der in der Apostelgeschichte beschriebenen Epoche befaßt hat, läßt er die Geschichte der Kirchenväter und der Konzilien an uns vorüberziehen, da er überzeugt ist, daß das Wirken des Heiligen Geistes in der Geschichte weitergeht. In den Chronica Maiora entwirft Beda eine Chronologie, die zur Grundlage des universalen Kalenders »ab incarnatione Domini« werden sollte. Damals berechnete man die Zeit noch ab der Gründung der Stadt Rom. Beda, der sieht, daß der wahre Bezugspunkt, das Zentrum der Geschichte die Geburt Christi ist, hat uns diesen Kalender geschenkt, der die Geschichte von der Menschwerdung des Herrn her liest. Er führt die ersten sechs Ökumenischen Konzilien und ihre Entwicklungen an, legt die christologische, mariologische und soteriologische Lehre getreu dar und prangert die Häresien des Monophysitismus und Monotheletismus, des Ikonoklasmus und Neopelagianismus an. Schließlich verfaßt er mit dokumentarischer Strenge und literarischer Fertigkeit das bereits erwähnte Werk Kirchengeschichte des englischen Volkes, für das er als »Vater der englischen Geschichtsschreibung« anerkannt wird. Die charakteristischen Wesenszüge der Kirche, die Beda gern hervorhebt, sind folgende: a) Die Katholizität als Treue zur Überlieferung und zugleich Offenheit für die geschichtlichen Entwicklungen sowie als Suche nach der Einheit in der Vielfalt, in der Verschiedenheit der Geschichte und der Kulturen, gemäß den Weisungen, die Papst Gregor der Große dem Apostel Englands, Augustinus von Canterbury, gegeben hatte; b) die Apostolizität und die Verbundenheit mit Rom: Diesbezüglich hält er es für höchst bedeutsam, alle irisch-keltischen Kirchen sowie die Kirchen der Pikten zu überzeugen, das Osterfest gemeinsam nach dem römischen Kalender zu feiern. Der »Computus«, das heißt die von ihm wissenschaftlich vorgenommene Berechnung zur Festlegung des genauen Datums für die Feier von Ostern und damit des ganzen Zyklus des Kirchenjahres, ist zum Referenztext für die ganze katholische Kirche geworden.

Beda war auch ein hervorragender Lehrer der liturgischen Theologie. In den Homilien zu den Evangelien der Sonn- und Festtage entfaltet er eine echte Mystagogie, wodurch er die Gläubigen dazu erzieht, die Geheimnisse des Glaubens freudig zu feiern und sie kohärent in ihrem Leben nachzuahmen, in Erwartung ihrer vollen Offenbarung bei der Wiederkehr Christi, wenn wir mit unseren verherrlichten Leibern in der Gabenprozession zur ewigen Liturgie Gottes im Himmel zugelassen werden. Dem »Realismus« der Katechesen des Kyrill, Ambrosius und Augustinus folgend lehrt Beda, daß die Sakramente der christlichen Initiation jeden Gläubigen »nicht nur zum Christen, sondern zu Christus« machen. Denn jedes Mal, wenn eine treue Seele das Wort Gottes mit Liebe aufnimmt und bewahrt, empfängt und zeugt sie, in Nachahmung Mariens, Christus von neuem. Und jedes Mal, wenn eine Gruppe von Neugetauften die österlichen Sakramente empfängt, »zeugt« die Kirche »sich selbst«, oder, mit einer noch gewagteren Formulierung: die Kirche wird »Mutter Gottes«, indem sie durch das Wirken des Heiligen Geistes an der Zeugung ihrer Kinder teilhat.

Dank dieser seiner Art, Theologie zu betreiben, indem er die Bibel, die Liturgie und die Geschichte miteinander verflechtet, hat Beda eine aktuelle Botschaft für die verschiedenen »Lebensstände «: a) Die Gelehrten (»doctores ac doctrices«) erinnert er an zwei wesentliche Aufgaben: die Wunder des Wortes Gottes zu erforschen, um sie in ansprechender Form den Gläubigen vorzulegen; die dogmatischen Wahrheiten darzulegen, wobei es gilt, häretische Verwirrungen zu vermeiden und sich an die »katholische Einfachheit« zu halten, und das mit der Haltung der Geringen und Demütigen, denen die Geheimnisse des Reiches zu offenbaren, Gott gefällig ist; b) die Hirten müssen ihrerseits der Predigt den Vorrang geben, nicht nur durch eine verbale oder hagiographische Sprache, sondern indem sie auch den Wert von Ikonen, Prozessionen und Wallfahrten zur Geltung bringen. Ihnen empfiehlt Beda den Gebrauch der Volkssprache, wie er selbst es tut, wenn er in Northumber das »Vaterunser« und das »Credo« erklärt und bis zum letzten Tag seines Lebens den Kommentar zum Johannesevangelium in der Volkssprache voranbringt; c) den geweihten Personen, die sich dem Gottesdienst widmen, während sie in der Freude der brüderlichen Gemeinschaft leben und im geistlichen Leben durch Askese und Kontemplation voranschreiten, empfiehlt Beda, sich um das Apostolat zu kümmern - keiner hat das Evangelium allein für sich, sondern muß es als ein Geschenk auch für die anderen empfinden -, indem sie entweder mit den Bischöfen in verschiedenen pastoralen Aktivitäten zugunsten der jungen christlichen Gemeinschaften zusammenarbeiten oder sich für die Mission der Evangelisierung bei den Heiden außerhalb des eigenen Landes als »peregrini pro amore Dei« zur Verfügung stellen.

Aus dieser Perspektive stellt Beda im Kommentar zum Hohenlied die Synagoge und die Kirche als Mitarbeiterinnen bei der Verbreitung des Wortes Gottes vor. Christus, der Bräutigam, will eine arbeitsame Kirche, »gebräunt von den Mühen der Evangelisierung« - die Andeutung des Wortes aus dem Hohenlied (1,5), wo die Braut sagt: »Nigra sum sed formosa« (»Braun bin ich, doch schön«), liegt auf der Hand -, in der Absicht, weitere Äcker oder Weinberge urbar zu machen und unter den neuen Völkern »nicht eine provisorische Hütte, sondern eine feste Wohnstatt« zu errichten, das heißt, das Evangelium in das soziale Gefüge und die kulturellen Institutionen einzupflanzen. In dieser Hinsicht ermahnt der heilige Lehrer die gläubigen Laien, eifrig um die religiöse Bildung bemüht zu sein, indem sie jene »unersättlichen Scharen im Evangelium« nachahmen, »die den Aposteln nicht einmal Zeit ließen, einen Bissen Essen zu sich zu nehmen«. Er lehrt sie, wie man ununterbrochen betet, »indem sie das, was sie in der Liturgie feiern, im Leben nachahmen« und alle Handlungen, vereint mit Christus, als geistliches Opfer darbringen. Den Eltern erklärt er, daß sie auch in ihrem kleinen häuslichen Bereich »das priesterliche Amt als Hirten und Führer« ausüben können, indem sie die Kinder christlich erziehen, und er beteuert, viele Gläubige (Männer und Frauen, Verheiratete oder Ledige) zu kennen, die »zu einem untadeligen Verhalten fähig sind, so daß sie, wenn sie angemessen begleitet werden, täglich zur eucharistischen Kommunion gehen könnten« (Epist. ad Ecgberctum, ed. Plummer, S. 419).

Der Ruf der Heiligkeit und der Weisheit, den Beda schon zu Lebzeiten genoß, brachte ihm den Titel »Venerabilis«, »der Ehrwürdige«, ein. So nennt ihn auch Papst Sergius I., als er im Jahr 701 an seinen Abt schreibt mit der Bitte, ihn zur Beratung über Fragen von universalem Interesse für eine gewisse Zeit nach Rom kommen zu lassen. Nach seinem Tod fanden seine Schriften in der Heimat und auf dem europäischen Kontinent weite Verbreitung. Der große Missionar Deutschlands, der hl. Bischof Bonifatius († 754) bat den Erzbischof von York und den Abt von Wearmouth mehrmals, einige seiner Werke abschreiben zu lassen und sie ihm zu schicken, damit auch er und seine Gefährten das geistliche Licht genießen könnten, das von ihnen ausstrahlte. Ein Jahrhundert später nahm Notker Balbulus, Abt von Sankt Gallen († 912), von Bedas außerordentlichem Einfluß Kenntnis und verglich ihn mit einer neuen Sonne, die Gott nicht aus dem Osten, sondern aus dem Westen hatte aufgehen lassen, um die Welt zu erleuchten. Abgesehen vom rhetorischen Pathos ist es eine Tatsache, daß Beda wirksam zum Aufbau eines christlichen Europa beitrug, in dem sich die verschiedenen Völker und Kulturen untereinander verbunden und ihm ein einheitliches Erscheinungsbild gegeben haben, das am christlichen Glauben inspiriert ist. Beten wir, daß es auch heute Persönlichkeiten von der Statur eines Beda gibt, um den ganzen Kontinent geeint zu halten; beten wir, damit wir alle bereit sind, unsere gemeinsamen Wurzeln wiederzuentdecken, um Erbauer eines zutiefst menschlichen und echt christlichen Europa zu sein.

In der heutigen Katechese möchte ich den heiligen Beda Venerabilis und sein umfangreiches Werk vorstellen. Dieser englische Benediktinermönch lebte von 672/673 bis 735, und sein Einfluß dehnte sich bis nach Rom und über weite Teile des europäischen Kontinents aus. So hat dieser Mönch, der sich in seiner Abtei dem Lob Gottes widmete und auch den einfachen Leuten in Nordengland in ihrer Volkssprache den Glauben erklärte, zur Formung des christlichen Europas beigetragen. Die Werke Bedas kreisen vorwiegend um drei Schwerpunkte: die Heilige Schrift, die Kirchengeschichte und die Liturgie. In der Exegese bevorzugt Beda nach einer sorgfältigen Analyse des Schrifttextes meist eine christologische Auslegung auf Christus und die Kirche hin. In der Kirchengeschichte befaßt er sich zum einen mit der Zeit der Apostel und den ersten Konzilien. Dank des großen Werkes der „Historia ecclesiastica gentis Anglorum“ gilt er zudem als „Vater der englischen Geschichtsschreibung“. Die Kirche ist für Beda wesentlich „katholisch“, also eine umfassende und vielfältige Einheit, und „apostolisch“ bzw. „römisch“; dies kommt unter anderem in seinem Bemühen um ein gemeinsames Datum für das Osterfest zum Ausdruck. In der liturgischen Theologie unterstreicht Beda den Realismus der Sakramente, durch die die Gläubigen „nicht nur Christen, sondern Christus“ werden.
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Einen herzlichen Gruß richte ich an die deutschsprachigen Pilger und Besucher hier auf dem Petersplatz. Der heilige Beda soll uns durch das Studium der Heiligen Schrift und die Teilnahme an der Liturgie eine immer lebendigere Freude am Glauben finden helfen. Ebenso soll, wie es bei ihm war, unser Gebet und unser Leben Lob Gottes und Dienst für unsere Brüder und Schwestern sein. Der Herr segne euch und eure Familien.



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Mittwoch, 11. März 2009

Der Hl. Bonifatius

Liebe Brüder und Schwestern!

Heute verweilen wir bei einem großen Missionar des 8. Jahrhunderts, der das Christentum in Mitteleuropa, also auch in meiner Heimat, verbreitet hat: dem hl. Bonifatius, der als »Apostel der Deutschen« in die Geschichte eingegangen ist. Dank der Gründlichkeit seiner Biographen besitzen wir viele Nachrichten über sein Leben: Er wurde um das Jahr 675 in einer angelsächsischen Familie in Wessex geboren und auf den Namen Winfrid getauft. Er fühlte sich vom monastischen Ideal angezogen und trat sehr jung in ein Kloster ein. Da er bemerkenswerte intellektuelle Fähigkeiten besaß, schien für ihn eine ruhige und glänzende Gelehrtenlaufbahn vorgezeichnet zu sein: Er wurde Lehrer für lateinische Grammatik, schrieb einige Traktate und verfaßte auch Dichtungen in lateinischer Sprache. Nachdem er im Alter von ungefähr 30 Jahren zum Priester geweiht worden war, fühlte er sich zum Apostolat unter den Heiden auf dem europäischen Festland berufen. Seine Heimat Britannien, die hundert Jahre zuvor von den Benediktinern unter der Führung des hl. Augustinus von Canterbury evangelisiert worden war, bewies einen so gefestigten Glauben und eine so glühende Liebe, daß sie Missionare nach Mitteleuropa entsandte, um dort das Evangelium zu verkünden. Im Jahr 716 begab sich Winfrid mit einigen Gefährten nach Friesland (dem heutigen Holland), stieß aber auf den Widerstand des lokalen Stammesführers und scheiterte mit seinem Evangelisierungsversuch. Er kehrte in die Heimat zurück, verlor aber nicht den Mut und reiste zwei Jahre später nach Rom, um mit Papst Gregor II. zu reden und von ihm Weisungen zu erhalten. Der Papst - so erzählt ein Biograph - empfing ihn »mit lächelndem Gesicht und einem Blick voller Güte« und führte in den folgenden Tagen mit ihm »wichtige Gespräche« (Willibald, Vita S. Bonifatii, ed. Levison, S. 13-14), und nachdem er ihm den neuen Namen Bonifatius gegeben hatte, übertrug er ihm mit offiziellem Schreiben die Mission, unter den Völkern Germaniens das Evangelium zu verkünden.

Getröstet und gestärkt durch die Unterstützung seitens des Papstes, setzte sich Bonifatius in der Verkündigung des Evangeliums in jenen Regionen ein, kämpfte gegen die heidnischen Kulte und stärkte die Grundlagen der menschlichen und christlichen Sittlichkeit. Mit großem Pflichtgefühl schrieb er in einem seiner Briefe: »Bleiben wir fest im Kampf am Tag des Herrn, da Tage voll Trübsal und Not gekommen sind… Seien wir weder stumme Hunde noch schweigende Beobachter noch Söldner, die vor den Wölfen fliehen! Seien wir hingegen eifrige Hirten, die über die Herde Christi wachen, die den wichtigen Personen und den gewöhnlichen, den Reichen und den Armen den Willen Gottes verkünden … zu gelegenen und ungelegenen Zeiten…« (Epistulae, 3,352.354: MGH). Mit seiner unermüdlichen Tätigkeit, mit seinem Organisationstalent, mit seinem bei aller Festigkeit anpassungsfähigen und liebenswerten Charakter erreichte Bonifatius großartige Ergebnisse. Nun erklärte der Papst, »daß er ihm die Bischofswürde verleihen wollte, damit er so mit größerer Entschlossenheit die Irrenden berichtigen und wieder auf den Weg der Wahrheit bringen könnte, sich von der größeren Autorität der apostolischen Würde getragen fühlen und im Amt der Verkündigung allen um so willkommener sein würde, je klarer zutage trat, daß er eben aus diesem Grund vom apostolischen Bischof geweiht worden war« (Otloh, Vita S. Bonifatii, ed. Levison, lib. 1S 127).

Es war der Papst selbst, der Bonifatius zum »Regionalbischof« - nämlich für ganz Germanien - weihte; danach nahm Bonifatius seine apostolischen Anstrengungen in den ihm anvertrauten Gebieten wieder auf und weitete seine Tätigkeit auch auf die Kirche von Gallien aus. Mit großer Klugheit stellte er dort die kirchliche Disziplin wieder her, berief verschiedene Synoden ein, um die Autorität der heiligen Canones zu gewährleisten, stärkte die notwendige Gemeinschaft mit dem Römischen Papst: Das lag ihm ganz besonders am Herzen. Auch die Nachfolger von Papst Gregor II. schenkten ihm höchste Beachtung: Gregor III. ernannte ihn zum Erzbischof aller germanischen Stämme, übersandte ihm das Pallium und erteilte ihm die Befugnis, die kirchliche Hierarchie in jenen Regionen aufzubauen (vgl. Epist.28: S. Bonifatii Epistulae, ed. Tangl, Berolini 1916); Papst Zacharias bestätigte ihn im Amt und lobte seinen Einsatz (vgl. Epist. 51, 57, 58, 60, 68, 77, 80, 86, 87, 89: op. cit.); Papst Stephan III. erhielt gleich nach seiner Wahl von ihm einen Brief, mit dem er ihm seinen kindlichen Gehorsam zum Ausdruck brachte (vgl. Epist. 108, op. cit.).

Außer dieser Arbeit zur Evangelisierung und organisatorischen Ordnung der Kirche durch die Gründung von Diözesen und die Abhaltung von Synoden versäumte es der große Bischof nicht, die Gründung verschiedener Männer- und Frauenklöster zu fördern, die gleichsam ein Leuchtturm für die Ausstrahlung des Glaubens und der menschlichen und christlichen Kultur in diesen Gebieten sein sollten. Von den Benediktinerklöstern seiner Heimat hatte er Mönche und Nonnen gerufen, die ihm bei der Aufgabe, das Evangelium zu verkünden und die Humanwissenschaften und Künste unter der Bevölkerung zu verbreiten, sehr wertvolle Hilfe leisteten. Er war nämlich mit Recht der Meinung, die Arbeit für das Evangelium sollte auch Arbeit für eine echte menschliche Kultur sein. Vor allem das um das Jahr 743 gegründete Kloster von Fulda war das Herz und Ausstrahlungszentrum der Spiritualität und religiösen Kultur: Die Mönche dort bemühten sich in Gebet, Arbeit und Buße zur Heiligkeit zu gelangen, sie bildeten sich im Studium der sakralen und profanen Wissensdisziplinen, bereiteten sich auf die Verkündigung des Evangeliums vor, um Missionare zu sein. Durch das Verdienst des Bonifatius und seiner Mönche und Nonnen - auch die Frauen hatten einen sehr wichtigen Anteil an dieser Evangelisierungsarbeit - blühte auch jene menschliche Kultur, die nicht vom Glauben zu trennen ist und dessen Schönheit enthüllt. Bonifatius selber hat uns bedeutende intellektuelle Werke hinterlassen. Vor allem seine umfangreiche Briefsammlung, in der sich abwechselnd Hirtenbriefe, offizielle Schreiben und Briefe privaten Charakters finden, die soziale Verhältnisse und vor allem seine reiche menschliche Willensstärke und seinen tiefen Glauben enthüllen. Er verfaßte auch den Traktat »Ars grammatica«, in dem er die Deklinationen, die Verben und die Syntax der lateinischen Sprache erklärte, der aber für ihn auch ein Werkzeug zur Verteidigung des Glaubens und der Kultur wurde. Hinzukamen auch eine »Ars metrica«, also eine Anleitung zum Verfassen von Gedichten, und verschiedene Dichtungen und schließlich eine Sammlung von fünfzehn Predigten.

Obwohl er bereits fortgeschrittenen Alters - fast 80 jährig - war, bereitete er sich auf eine neue Evangelisierungsmission vor: Mit etwa fünfzig Mönchen begab er sich wieder nach Friesland, wo er einst seine Arbeit begonnen hatte. Gleichsam in Vorausahnung seines bevorstehenden Todes schrieb er unter Anspielung auf die Lebensreise an seinen Schüler und Nachfolger auf dem Mainzer Bischofsstuhl, Bischof Lullus: »Ich möchte das Vorhaben dieser Reise zu Ende führen; ich kann keinesfalls auf den Wunsch abzureisen verzichten. Der Tag meines Endes ist nahe, und der Zeitpunkt meines Todes rückt näher; sobald der Leichnam begraben ist, werde ich aufsteigen, um den ewigen Lohn zu empfangen. Aber du, geliebter Sohn, rufe unermüdlich das Volk aus dem Wespennest des Irrtums zurück, vollende den Bau der bereits begonnenen Basilika von Fulda und bestatte dort meinen in langen Lebensjahren alt gewordenen Leib« (Willibald, Vita S. Bonifatii, ed. cit., S. 46). Während er am 5. Juni 754 in Dokkum (im heutigen Nordholland) die heilige Messe zelebrierte, wurde er von einer Gruppe von Heiden ermordet. Nachdem er mit freundlichem Gesicht vorgetreten war, »verbat er den Seinen zu kämpfen und sagte: ›Laßt ab, liebe Söhne, von den Kämpfen, gebt den Krieg auf, denn das Zeugnis der Schrift ermahnt uns, nicht Böses mit Bösem, sondern Böses mit Gutem zu vergelten. Nun ist der seit langem ersehnte Tag, der Zeitpunkt unseres Endes gekommen; habt Mut im Herrn!‹« (ebd., S. 49-50). Das waren seine letzten Worte, bevor er unter den Schlägen der Angreifer zusammenbrach. Die sterblichen Überreste des Märtyrerbischofs wurden dann in das Kloster nach Fulda gebracht, wo sie würdig bestattet wurden. Bereits einer seiner ersten Biographen äußerte sich über ihn mit folgendem Urteil: »Der heilige Bischof Bonifatius kann sich Vater aller Bewohner Germaniens nennen, weil er als erster sie durch das Wort seiner heiligen Verkündigung für Christus gewonnen, sie durch sein Vorbild gestärkt und schließlich sein Leben für sie hingegeben hat - eine größere Liebe kann es nicht geben« (Otloh, Vita S. Bonifatii, ed. cit., lib. 1S 158).

Welche Botschaft können wir heute, nach Jahrhunderten, aus der Lehre und dem wunderbaren Wirken dieses großen Missionars und Märtyrers gewinnen? Für den, der sich Bonifatius nähert, zeichnet sich als ein erstes offenkundiges Merkmal ab: die zentrale Stellung des Wortes Gottes, wie es im Glauben der Kirche gelebt und ausgelegt wird, des Wortes, das er gelebt, verkündet und bis zur letzten Selbsthingabe im Martyrium bezeugt hat. Er war vom Wort Gottes derart begeistert, daß er die dringende Verpflichtung spürte, es den anderen zu bringen, auch wenn er selbst dabei in Gefahr geriet. Auf dieses Wort stützte sich jener Glaube, zu dessen Verbreitung er sich bei seiner Bischofsweihe feierlich verpflichtet hatte: »Ich bekenne voll und ganz die Reinheit des heiligen katholischen Glaubens und will mit Gottes Hilfe in der Einheit dieses Glaubens bleiben, auf dem ohne jeden Zweifel das ganze Heil der Christen beruht« (Epist. 12, in S. Bonifatii Epistolae, ed.cit., S. 29). Das zweite sehr wichtige Merkmal, das aus dem Leben des Bonifatius zutage tritt, ist seine treue Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhl, die ein zentraler Fixpunkt seiner Arbeit als Missionar war; er bewahrte diese Gemeinschaft immer als Regel seiner Mission und hinterließ sie gleichsam als sein Testament. In einem Brief an Papst Zacharias versicherte er: »Ich höre niemals auf, diejenigen, die im katholischen Glauben und in der Einheit der römischen Kirche bleiben wollen, und alle, die mir Gott in meiner Sendung als Zuhörer und Schüler gibt, zum Gehorsam gegenüber dem Apostolischen Stuhl aufzufordern« (Epist. 50, ebd.). Frucht dieses Engagements war der unerschütterliche Geist des Zusammenhalts rund um den Nachfolger Petri, den Bonifatius an die Kirchen seines Missionsgebiets weitergab, wodurch er England, Germanien und Frankreich mit Rom verband und so maßgeblich dazu beitrug, jene christlichen Wurzeln Europas zu legen, die in den nachfolgenden Jahrhunderten reiche Früchte hervorbringen sollten. Und noch durch ein drittes Merkmal weckt Bonifatius unsere Aufmerksamkeit: Er förderte die Begegnung zwischen der römisch-christlichen und der germanischen Kultur.Er wußte nämlich, daß die Humanisierung und Evangelisierung der Kultur integrierender Bestandteil seiner Sendung als Bischof war. Indem er das alte Erbe an christlichen Werten weitervermittelte, pflanzte er in die germanischen Völker einen neuen, menschlicheren Lebensstil ein, dank dessen die unveräußerlichen Rechte der Person besser geachtet wurden. Als echter geistlicher Sohn des hl. Benedikt wußte er Gebet und Arbeit (sowohl manuelle als auch geistige), Feder und Pflug zu verbinden.

Das mutige Zeugnis des Bonifatius ist für uns alle eine Einladung, das Wort Gottes als wesentlichen Bezugspunkt in unser Leben aufzunehmen, die Kirche leidenschaftlich zu lieben, uns für ihre Zukunft mitverantwortlich zu fühlen, ihre Einheit um den Nachfolger Petri zu suchen. Gleichzeitig erinnert er uns daran, daß das Christentum durch die Förderung der Verbreitung der Kultur den Fortschritt des Menschen fördert. Es liegt nun an uns, einem so bedeutenden Erbe gewachsen zu sein und es zum Vorteil der kommenden Generationen Früchte tragen zu lassen.

Mich beeindruckt immer wieder sein glühender Eifer für das Evangelium: Mit vierzig Jahren verläßt er ein schönes und fruchtbares klösterliches Leben, ein Leben als Mönch und Professor, um den einfachen Leuten, den Barbaren das Evangelium zu verkünden; als Achtzigjähriger geht er noch einmal in eine Gegend, wo er sein Martyrium voraussieht. Wenn wir diesen seinen glühenden Glauben, diesen Eifer für das Evangelium mit unserem oft so lauen und bürokratisierten Glauben vergleichen, sehen wir, was wir tun und wie wir unseren Glauben erneuern müssen, um unserer Zeit die kostbare Perle des Evangeliums zu schenken.


GENERALAUDIENZ 2009 8