Predigten 1978-2005 270

HEILIGJAHRFEIER DER ARBEITER


1. Mai 2000

1.»Herr, laß gedeihen das Werk unserer Hände« (Antwortpsalm).

1. Diese Worte, die wir im Antwortpsalm wiederholt haben, bringen den Sinn der heutigen Heiligjahrfeier gut zum Ausdruck. Aus der weit gespannten und vielgestaltigen Welt der Arbeit erhebt sich heute, am 1. Mai, ein gemeinsamer Ruf: Herr, segne und festige das Werk unserer Hände!

Unsere Mühen – im Haus, auf dem Feld, in der Fabrik, im Büro – könnten auf eine zermürbende Anstrengung hinauslaufen, die letztendlich sinnlos ist (vgl . Koh Qo 1,3). Wir beten zum Herrn, daß sie eher die Erfüllung seines Plans seien, damit unsere Arbeit ihren ursprünglichen Sinn wiedererlangt.

Was ist der ursprüngliche Sinn der Arbeit? Wir haben es in der ersten Lesung aus dem Buch Genesis gehört. Den nach seinem Abbild und Gleichnis geschaffenen Menschen gibt Gott folgendes Gebot: »Bevölkert die Erde, unterwerft sie euch« (Gn 1,28). Diese Worte klingen bei Paulus nach, der an die Christen von Thessalonich schreibt: » Denn als wir bei euch waren, haben wir euch die Regel eingeprägt: Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen«; und er fordert sie auf, »in Ruhe ihrer Arbeit nachzugehen und ihr selbstverdientes Brot zu essen« (2Th 3,10 2Th 3,12).

Im Plan Gottes erscheint die Arbeit also als Recht und Pflicht. Sie ist nötig, um die Güter dieser Erde dem Leben jedes Menschen und der Gesellschaft nutzbar zu machen, und trägt dazu bei, die menschliche Tätigkeit in der Erfüllung des göttlichen Gebots, »die Erde zu unterwerfen«, auf Gott hin auszurichten. In diesem Zusammenhang hören wir im Geiste eine weitere Aufforderung des Apostels: »Ob ihr also eßt oder trinkt oder etwas anderes tut: tut alles zur Verherrlichung Gottes!« (1Co 10,31).

2. Das Jubiläumsjahr lenkt unsere Blicke auf das Geheimnis der Menschwerdung und lädt uns ein, mit besonderer Intensität über das verborgene Leben Jesu in Nazaret zu meditieren. Dort verbrachte er den größten Teil seines irdischen Daseins. Mit seinem stillen Fleiß in der Werkstatt Josefs lieferte Jesus den höchsten Beweis für die Würde der Arbeit. Das heutige Evangelium berichtet darüber, wie die Einwohner von Nazaret, seine Landsleute, ihn mit Erstaunen aufnahmen und sich fragten: »Woher hat er diese Weisheit und die Kraft, Wunder zu tun? Ist das nicht der Sohn des Zimmermanns?« ().

Der Sohn Gottes hat die Bezeichnung als Zimmermann nicht verschmäht, und er hat sich den normalen Lebensumständen der Menschen nicht entziehen wollen. »Die Sprache des Lebens Christi selbst [ist] eindeutig: Er gehört zur ›Welt der Arbeit‹, anerkennt und achtet die menschliche Arbeit. Man kann sogar sagen: Er schaut mit Liebe auf die Arbeit und ihre verschiedenen Formen, deren jede ihm ein besonderer Zug in der Ähnlichkeit des Menschen mit Gott, dem Schöpfer und Vater, ist« (Enzyklika Laborem exercens LE 26).

Aus dem Evangelium ergibt sich die Lehre der Apostel und der Kirche; es geht daraus eine echte christliche Spiritualität der Arbeit hervor, die ihren bedeutendsten Ausdruck in der Konstitution Gaudium et spes des II. Vatikanischen Konzils gefunden hat (vgl. und ). Nach Jahrhunderten harter sozialer und ideologischer Auseinandersetzungen braucht die Welt unserer Tage, deren Elemente immer mehr voneinander abhängig sind, dieses »Evangelium der Arbeit«, damit die menschliche Tätigkeit eine wahrhafte Entwicklung der Einzelpersonen und der gesamten Menschheit fördern kann.

3. Liebe Brüder und Schwestern! Was hat das Jubiläumsjahr euch zu sagen, die ihr heute die ganze, zur Heilig-Jahr-Feier versammelte Welt der Arbeit vertretet? Was hat das Jubiläumsjahr der Gesellschaft zu sagen, die in der Arbeit nicht nur ihre tragende Struktur hat, sondern auch ein Versuchsfeld zur Verifizierung ihrer Entscheidungen in bezug auf Werte und Zivilisation?

271 Seit seinen Ursprüngen im Judentum betraf das Jubeljahr direkt auch den Bereich der Arbeit, da das Volk Gottes ein Volk freier Menschen war, das der Herr von seinem Sklavenzustand freigekauft hatte (vgl. Lev Lv 25). Im Ostergeheimnis bringt Christus auch diese Einrichtung des alten Gesetzes zur Erfüllung, indem er ihr ihren vollen Sinn in spiritueller Hinsicht gibt und ihre soziale Wertigkeit in den großen Plan des Reiches einbringt, der – wie »Sauerteig« – die gesamte Gesellschaft auf der Linie des wahren Fortschritts voranbringt.

Das Heilige Jahr spornt daher zu einer Wiederentdeckung des Sinnes und Wertes der Arbeit an. Es lädt uns darüber hinaus auch ein zu einer Auseinandersetzung mit den wirtschaftlichen und sozialen Ungleichheiten, die in der Arbeitswelt bestehen, damit die richtige Wertehierarchie wiederhergestellt werden kann: An erster Stelle steht dabei die Würde des berufstätigen Mannes und der berufstätigen Frau, ihre Freiheit, Verantwortung und Beteiligung. Das Jubiläumsjahr drängt uns aber auch zur Wiedergutmachung von Zuständen der Ungerechtigkeit, unter Wahrung der Kultur eines jeden Volkes und der verschiedenen Entwicklungsmodelle.

Ich kann nicht umhin, an dieser Stelle meine Solidarität all jenen auszusprechen, die unter Arbeitslosigkeit, allzu geringem Lohn oder Mangel an materiellen Mitteln zu leiden haben. Im Geiste stehen vor mir all jene Völker, die zu einer ihre Würde verletzenden Armut genötigt sind; diese hindert die Menschen an einer Beteiligung an den Gütern der Erde und zwingt sie, sich von dem zu ernähren, was vom Tisch des Reichen herunterfällt (vgl. Incarnationis mysterium, 12). Sich für eine Sanierung dieser Zustände einzusetzen ist ein Werk der Gerechtigkeit und des Friedens.

Nie dürfen die neuen Gegebenheiten, die sich machtvoll in den Produktionsprozeß einschalten, wie zum Beispiel die Globalisierung der Finanzwelt, der Wirtschaft, des Handels und der Arbeit, die Würde und Vorrangstellung des Menschen oder die Freiheit und Demokratie der Völker verletzen. Solidarität, Beteiligung und die Möglichkeit, diese radikalen Veränderungen zu beherrschen, sind – wenn schon nicht die Lösung – so doch sicherlich die nötige ethische Gewähr, damit Personen und Völker nicht Werkzeuge, sondern Hauptverantwortliche ihrer Zukunft werden. All das kann Wirklichkeit werden, und, da es möglich ist, wird es auch zur Pflicht.

Über diese Themen denkt zur Zeit der Päpstliche Rat für Gerechtigkeit und Frieden nach; er verfolgt die Entwicklungen der wirtschaftlichen und sozialen Situation in der Welt aus der Nähe, um deren Auswirkungen auf den Menschen zu untersuchen. Ergebnis dieser Überlegungen wird ein Kompendium über die Soziallehre der Kirche sein, das sich zur Zeit in Arbeit befindet.

4. Liebe arbeitende Menschen! Die Gestalt des Josef von Nazaret, sein geistliches und sittliches Format, das je größer es war, umso bescheidener und in der Verborgenheit wirksamer war , beleuchten unser heutiges Treffen. In ihm erfüllt sich das Versprechen des Psalms: »Wohl dem Mann, der den Herrn fürchtet und ehrt und der auf seinen Wegen geht! Was deine Hände erwarben, kannst du genießen; wohl dir, es wird dir gut ergehn […] So wird der Mann gesegnet, der den Herrn fürchtet und ehrt« (). Der Beschützer des Erlösers lehrte Jesus das Handwerk des Zimmermanns, besonders aber lieferte er ihm ein ausgezeichnetes Vorbild dafür, was die Schrift »Gottesfurcht« nennt: Es ist das eigentliche Prinzip der Weisheit und besteht in der religiösen Ergebenheit Ihm gegenüber und in dem tiefinnerlichen Wunsch, immer seinen Willen zu erkennen und zu tun. Das, meine Lieben, ist der wahre Segensquell für jeden Menschen, für jede Familie und für jede Nation.

Dem hl. Josef, Arbeiter und Gerechten, und seiner heiligsten Braut Maria empfehle ich diese eure Heiligjahrfeier sowie euch alle und eure Familien.

»Herr, laß gedeihen das Werk unserer Hände

Segne, Herr der Jahrhunderte und Jahrtausende, die tägliche Arbeit, womit Mann und Frau das Brot für sich selbst und ihre Angehörigen verdienen. In deine väterlichen Hände legen wir auch die mit der Arbeit verbundenen Mühen und Opfer – in Einheit mit deinem Sohn Jesus Christus, der die menschliche Arbeit vom Joch der Sünde befreit und ihr ihre ursprüngliche Würde zurückgegeben hat.

Dir sei Lob und Preis heute und allezeit. Amen.



GEDÄCHTNISFEIER FÜR DIE ZEUGEN DES GLAUBENS IM 20. JAHRHUNDERT


Kolosseum, 7. Mai 2000





272 1. "Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht" (Jn 12,24). Mit diesen Worten kündigt Jesus am Abend vor seinem Leiden seine Verherrlichung durch den Tod an. Die anspruchsvolle Aussage ist soeben beim Ruf vor dem Evangelium neu aufgeklungen. Sie findet ihr lautes Echo heute Abend an diesem bedeutsamen Ort, an dem wir der "Glaubenszeugen des zwanzigsten Jahrhunderts" gedenken.

Christus ist das Weizenkorn, das gestorben ist und dadurch Früchte des unsterblichen Lebens hervorgebracht hat. Dem gekreuzigten König sind seine Jünger nachgefolgt, aus denen im Lauf der Jahrhunderte unzählige Scharen "aus allen Nationen, Rassen, Völkern und Sprachen" geworden sind: Apostel und Bekenner des Glaubens, Jungfrauen und Märtyrer, mutige Herolde des Evangeliums und stille Diener des Reiches Gottes.

Im Glauben an Jesus Christus vereinte Brüder und Schwestern! Ich freue mich sehr, daß ich heute meinen brüderlichen Friedensgruß an euch richten darf, während wir gemeinsam der Glaubenszeugen des zwanzigsten Jahrhunderts gedenken. Herzlich grüße ich die Vertreter des ökumenischen Patriarchats und der anderen orthodoxen Schwesterkirchen sowie der Alten Kirchen des Ostens. Ebenso danke ich für ihre brüderliche Teilnahme den Vertretern der Anglikanischen Gemeinschaft, der christlichen Vereinigungen des Westens auf Weltebene und der ökumenischen Organisationen.

In uns allen ruft diese Versammlung tiefe innere Gefühle wach, da wir uns heute Abend am Kolosseum zu dieser eindrucksvollen Jubiläumsfeier eingefunden haben. Die Denkmäler und Überreste des antiken Rom sprechen zur Menschheit und erzählen von Leid und Verfolgung, die unsere Väter im Glauben, die Christen der ersten Generationen, mit heroischer Kraft ertragen haben. Diese alten Spuren erinnern uns daran, wie wahr die Worte sind, die Tertullian niedergeschrieben hat: "sanguis martyrum semen christianorum - das Blut der Märtyrer ist der Samen für neue Christen" (Apol., 50,13: CCL 1,171).

2. Die Erfahrung der Märtyrer und Glaubenszeugen ist nicht nur ein Kennzeichen der Kirche des Anfangs. Diese Erfahrung kennt die Kirche in jeder Epoche. Im zwanzigsten Jahrhundert vielleicht noch mehr als in der ersten Zeit des Christentums gab es sehr viele, die den Glauben mit oft heldenhaften Leiden bezeugt haben. Wieviele Christen auf allen Kontinenten haben im Lauf dieses Jahrhunderts ihre Liebe zu Christus auch dadurch bezahlt, daß sie ihr Blut vergossen haben! Alte und neue Formen der Verfolgung nahmen sie auf sich, sie wurden gehaßt und ausgeschlossen, gefoltert und getötet. Viele Länder mit alter christlicher Tradition sind wieder zu Gegenden geworden, in denen die Treue zum Evangelium einen sehr hohen Preis kostet. "Das Zeugnis für Christus bis hin zum Blutvergießen ist zum gemeinsamen Erbe von Katholiken, Orthodoxen, Anglikanern und Protestanten geworden" (Tertio millennio adveniente TMA 37).

Die Generation, der ich angehöre, hat den Schrecken des Krieges, die Konzentrationslager und die Verfolgung kennengelernt. In meiner Heimat wurden während des Zweiten Weltkriegs Priester und Christen in Vernichtungslager deportiert. Allein in Dachau waren etwa dreitausend Priester interniert. Ihr Opfer vereinte sich mit dem Opfer vieler Christen, die aus anderen europäischen Ländern kamen und mitunter anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften angehörten.

Ich selbst bin in meiner Jugendzeit Zeuge für großen Schmerz und viele Prüfungen geworden. Von Anfang an war mein Priestertum "einbezogen in das große Opfer so vieler Männer und Frauen meiner Generation" (Geschenk und Geheimnis, S. 45). Die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs und der darauffolgenden Jahre hat mich dazu geführt, mit dankbarer Aufmerksamkeit das leuchtende Beispiel all jener zu betrachten, die seit den ersten Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts bis zu seinem Ausgang Verfolgung, Gewalt und Tod auf sich nahmen um ihres Glaubens willen und wegen ihres Verhaltens, das von der Wahrheit Christi beseelt war.

3. Es sind so viele! Ihr Gedächtnis darf nicht vergessen werden. Mehr noch: Es muß dokumentiert und wiedergewonnen werden. Die Namen vieler sind unbekannt. Die Namen einiger wurden von den Verfolgern in den Schmutz gezogen, die das Martyrium mit der Schande verbinden wollten. Die Namen anderer wurden von den Henkern unter Verschluß gehalten. Doch die Christen bewahren das Andenken an einen Großteil von ihnen. Das haben die zahlreichen Antworten bewiesen, die in der beim Komitee des Großen Jubiläums angesiedelten Kommission "Neue Märtyrer" eingegangen sind. Diese hatte ja die Einladung ausgesprochen, nicht zu vergessen, und eifrig daran gearbeitet, das Gedächtnis der Kirche mit den Zeugnissen all jener Personen anzureichern und fortzuschreiben, "die für den Namen Jesu Christi, unseres Herrn, ihr Leben eingesetzt haben". Es stimmt, was der orthodoxe Metropolit von Sankt Petersburg Benjamin, der im Jahre 1922 das Martyrium erlitt, am Abend vor seiner Hinrichtung notierte: "Die Zeiten haben sich geändert. Es hat sich die Möglichkeit ergeben, aus Liebe zu Christus Leiden auf sich zu nehmen...". Genauso überzeugt bekräftigte der lutherische Pastor Paul Schneider aus seiner Zelle in Buchenwald gegenüber seinen Aufsehern: "So spricht der Herr: Ich bin die Auferstehung und das Leben!".

Die Teilnahme von Vertretern anderer Kirchen und kirchlicher Gemeinschaften gibt unserer heutigen Feier eine ganz besondere Wertigkeit und Aussagekraft im Rahmen dieses Jubeljahres 2000. Sie zeigt, wie wertvoll das Beispiel der heldenhaften Glaubenszeugen für alle Christen wirklich ist. Die Verfolgung hat fast alle Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften des zwanzigsten Jahrhunderts berührt; sie hat die Christen an den Orten des Schmerzes vereint und aus ihrem gemeinsamen Opfer ein Zeichen der Hoffnung für die künftigen Zeiten gemacht.

Diese unsere Brüder und Schwestern im Glauben, die wir heute mit Dankbarkeit und Verehrung erwähnen, stellen gleichsam ein großes Fresko der christlichen Menschheit des zwanzigsten Jahrhunderts dar. Ein Fresko des Evangeliums der Seligpreisungen, das bis zum Vergießen des Blutes gelebt wurde.

4. "Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und alle mögliche Weise verleumdet werdet. Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein" (Mt 5,11-12). Wie gut passen diese Worte Christi zu den unzähligen Glaubenszeugen des vergangenen Jahrhunderts, die von der Macht des Bösen beschimpft und verfolgt, aber nie gebeugt wurden!

273 Wo der Haß alles Leben zu verderben schien, ohne daß sich eine Möglichkeit auftat, um aus seiner Logik zu entfliehen, da haben sie gezeigt: "Die Liebe ist stärker als der Tod". Inmitten schrecklicher unterdrückerischer Systeme, die den Menschen entstellen, an den Stätten des Schmerzes, unter härtesten Entbehrungen, auf unsinnigen Märschen, der Kälte und dem Hunger ausgesetzt, gefoltert und in vielerlei Leiden hielten sie ihre Treue zu Christus hoch, der gestorben und auferstanden ist. In Kürze werden wir einige ihrer beeindruckenden Zeugnisse hören.

Viele haben sich geweigert, sich dem Kult der Idole des zwanzigsten Jahrhunderts zu beugen. Sie wurden Opfer des Kommunismus, des Nationalsozialismus, der Idolatrie von Staat und Rasse. Viele andere sind in ethnischen Kämpfen und Stammeskriegen gefallen, weil sie eine Logik ablehnten, die dem Evangelium Jesu Christi nicht entsprach. Einige haben den Tod erlitten, weil sie sich den Guten Hirten zum Vorbild nahmen und trotz der Bedrohungen bei ihren Gläubigen bleiben wollten. Auf allen Kontinenten und während des ganzen zwanzigsten Jahrhunderts gab es Menschen, die sich lieber umbringen ließen als ihrer Sendung nicht nachzukommen. Ordensleute haben ihre Weihe bis zum Vergießen des Blutes gelebt. Gläubige Männer und Frauen sind gestorben und haben ihr Dasein aus Liebe zu den Brüdern und Schwestern, besonders zu den Ärmsten und Schwächsten, hingegeben. Nicht wenige Frauen haben ihr Leben verloren, weil sie ihre Würde und ihre Reinheit verteidigten.

5. "Wer an seinem Leben hängt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben" (
Jn 12,25). Soeben haben wir diese Worte Christi gehört. Es handelt sich um eine Wahrheit, die die heutige Welt oft schmählich ablehnt und dafür die Eigenliebe zur obersten Norm des Daseins macht. Aber die Glaubenszeugen, die auch an diesem Abend mit ihrem Beispiel zu uns sprechen, haben nicht auf ihren eigenen Vorteil geschaut; sie haben ihr eigenes Wohl und ihr eigenes Überleben nicht über die Treue zum Evangelium gestellt. Auch in ihrer Schwachheit haben sie dem Bösen tapfer Widerstand geleistet. In ihrer Schwäche strahlte die Kraft des Glaubens und der Gnade des Herrn auf.

Liebe Brüder und Schwestern! Das wertvolle Erbe, das uns diese mutigen Zeugen überliefert haben, ist ein gemeinsames Erbe aller Kirchen und aller kirchlichen Gemeinschaften. Es ist ein Erbe, das lauter spricht als die Faktoren der Trennung. Der Ökumenismus der Märtyrer und der Glaubenszeugen überzeugt am meisten. Er zeigt den Christen des einundzwanzigsten Jahrhunderts den Weg zur Einheit auf. Es ist das Erbe des Kreuzes, das im Licht von Ostern erlebt wird: ein Erbe, das die Christen reich macht und aufrichtet, während sie sich auf den Weg ins neue Jahrtausend machen.

Wenn wir uns dieses Erbes rühmen, dann tun wir es weder voreingenommen noch aus dem Wunsch heraus, gegenüber den Verfolgern Genugtuung zu verspüren. Vielmehr rühmen wir uns dieses Erbes, weil sich darin die außerordentliche Kraft Gottes niederschlägt, die weiterwirkt zu allen Zeiten und an jedem Ort. Wir tun es, indem wir unsererseits vergeben und dabei dem Beispiel der vielen Zeugen folgen, die getötet wurden, während sie für ihre Verfolger beteten.

6. Das Gedenken dieser unserer Brüder und Schwestern bleibe lebendig im eben begonnenen Jahrhundert und Jahrtausend. Mehr noch: Es wachse! Es möge sich fortpflanzen von Generation zu Generation, damit daraus eine tiefgreifende christliche Erneuerung erwachse! Man möge es hüten als Schatz von erhabenem Wert für die Christen des neuen Jahrtausends! Es sei der Sauerteig, um zur vollen Gemeinschaft aller Jünger Christi zu gelangen!

Tief bewegt spreche ich diesen Wunsch aus. Ich bitte den Herrn, daß die Wolke der Zeugen, die uns umgibt, uns alle als Glaubende unterstützen möge, damit wir ebenso mutig unsere Liebe zu Christus ausdrücken: unsere Liebe zu Ihm, der stets in seiner Kirche lebt - wie gestern, so auch heute, morgen und immerdar!



NATIONALWALLFAHRT DER RUMÄNEN

Dienstag, 9. Mai 2000



1. »Das Licht kam in die Welt« (Jn 3,19).

Gerade um dieses Kommen zu feiern, ist das Große Jubiläum ausgerufen worden: Das ewige Wort, »Gott von Gott, Licht vom Licht«, ist vor zweitausend Jahren in unsere Geschichte getreten. Durch seine Geburt durch die Jungfrau Maria in unserem sterblichen Fleisch hat es der Welt die Liebe des Vaters offenbart: »Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab« (Jn 3,16).

Das Licht der Liebe Gottes erschien in Betlehem in der »Fülle der Zeit« und erstrahlte nach »unbegreiflichem Zweikampf« mit der Finsternis des Sünde im Pascha der Auferstehung. Das in der Freude von Weihnachten eröffnete Große Jubiläum hat in der Herrlichkeit von Ostern seinen Höhepunkt. Im Osterglauben verkündet die Kirche der Welt, daß in Christus der Mensch erlöst ist, geheilt von seiner tödlichen Krankheit.

274 In diesem Glauben hat der Nachfolger Petri die Gläubigen gerufen, das Jubeljahr zu feiern, damit im Namen Jesu Christi, der gekreuzigt wurde und auferstand, jeder Mensch zum Heil gelangen könne (vgl. Ac 4,10). So ergeht die erste Verkündigung der Apostel durch denselben Geist von Geschlecht zu Geschlecht, um alle Nationen zu erreichen. [Der Papst setzte die auf italienisch begonnene Predigt auf rumänisch fort:]

2. Das Evangelium Christi befruchtet die Geschichte der Völker. Es ruft sie auf, sich dem Geheimnis des Reiches Gottes zu öffnen durch den demütigen, aber notwendigen Dienst der heiligen apostolischen Kirche, versammelt um den Bischof von Rom, Diener der Diener Gottes, und die Bischöfe in Gemeinschaft mit ihm. Mit diesem Bewußtsein, Brüder und Schwestern der geliebten rumänischen Nation, seid ihr heute hier in der Vatikanbasilika zusammengekommen, um euer Jubiläum zu feiern. Gerne entbiete ich euch allen meinen herzlichen Willkommensgruß.

Mit Zuneigung grüße ich an erster Stelle die Bischöfe der griechisch-katholischen wie auch der lateinischen Kirche. Mit besonderem Dank begrüße ich Msgr. Lucian Muresan, Erzbischof von Fagaras und Alba Iulia und Präsident der Rumänischen Bischofskonferenz. Ich grüße sodann die Priester, die Ordensmänner und Ordensfrauen und die Laien, die zahlreich an dieser Nationalwallfahrt teilnehmen. Mein herzliches Gedenken dehne ich auf alle Brüder und Schwestern im Glauben aus, die sich aus Rumänien geistlich uns anschließen in dieser wichtigen, gewissermaßen historischen Feier. [Er sagte wieder auf italienisch:]

3. Es sind nunmehr drei Jahrhunderte seit der Synode der rumänischen Kirche von Transsilvanien vergangen, die am 7. Mai 1700 in Alba Iulia den einige Jahre zuvor begonnenen Weg auf die Union mit dem Stuhl Petri hin abschloß. Dieser Akt entsprach dem Willen der Bischöfe, Priester und Gläubigen, die damit die Gemeinschaft mit Rom wiederhergestellt sahen bei gleichzeitigem Beibehalten und Bewahren des orientalischen Ritus, des Kalenders, der liturgischen Sprache der Rumänen und ihrer Bräuche und Traditionen. Mit diesem Ereignis gab man die von der Zeit her zugelassene Antwort auf die im Herzen vieler aufrechter Jünger Christi wohnende unerfüllte Sehnsucht nach Einheit.

Von Herzen danken wir heute dem allmächtigen Gott für alle die in diesen dreihundert Jahren der Gemeinschaft erwiesenen Wohltaten. Zugleich bitten wir ihn um eine gelassene und glückliche Zukunft im Namen des Herrn Jesus Christus.

Um seine großen Werke zu vollbringen, braucht Gott Menschen, die er mit Sorgfalt auswählt und seinem Volk schenkt. Wie sollte man hier nicht der wohlverdienten Hirten eurer Kirche, der Bischöfe Atanasie Anghel, Inocentiu Micu-Klein und Petru Aron, gedenken. Vermochte die Union durch ihr Wirken nicht nur zahlreiche Schwierigkeiten zu überstehen, sondern fruchtbare Werke an Gutem für die ganze Bevölkerung hervorzubringen? Ich beschränke mich lediglich darauf, das Wiedererwachen des Ordenslebens, die Entwicklung der Schulen, das Interesse für die Lebensbedingungen und bürgerlichen Rechte der Menschen sowie einen wertvollen Beitrag zur rumänischen Kultur und selbst zur Wissenschaft zu nennen. Der bekannte Schriftsteller Ion Eliade Radulescu konnte zu Recht sagen: Aus Blaj »ist die Sonne der Rumänen aufgegangen«.

4. Die rumänische griechisch-katholische Kirche hat in treuer Nachfolge ihres Bräutigams Christus die Erfahrung des Leidens und des Kreuzes gemacht, vor allem während des letzten Jahrhunderts, als das grausame atheistische Regime ihre Aufhebung beschloß. Man versuchte, den Menschen auf den Boden herabzudrücken, ihn vergessen zu machen, daß es den Himmel gibt und eine Liebe, die größer ist als alle menschliche Erbärmlichkeit. Gott sei Dank konnte sich dieser Plan nicht endgültig durchsetzen. Christus ist auferstanden – und mit ihm alle christlichen Gemeinschaften in Rumänien.

Bei meinem unvergeßlichen Besuch in eurem Land, der genau in diesen Tagen vor einem Jahr stattfand, habe ich in Bukarest an den Gräbern der Märtyrer des Glaubens auf dem katholischen Friedhof Belu gebetet. Damit habe ich dem ungeheuren Opfer der vielen Bischöfe, Priester und Gläubigen Ehre erwiesen, die das Martyrium auf sich nahmen als höchste Bestätigung ihrer Treue zu Christus und zu den Nachfolgern Petri. [… und erneut auf rumänisch:]

Heute, da wir das Jubiläum der Union feiern, möchte ich noch einmal Dankbarkeit und Anerkennung für ihr Zeugnis zum Ausdruck bringen . Ein Wort des Dankes gilt insbesondere dem geschätzten Kardinal Alexandru Todea, der trotz Kerker und Isolierung unverzagt blieb in der Erfüllung seiner Hirtenpflichten und der die griechisch- katholische Kirche in die neue, mit dem Anbruch der demokratischen Freiheit entstandene Wirklichkeit geführt hat.

Bewahrt, meine Lieben, die Erinnerung an das Martyrium in eurem Herzen lebendig, und gebt sie an die kommenden Generationen weiter, damit sie fortgesetzt Inspiration zu allzeit hochherzigem, echtem christlichen Zeugnis gebe. Das Martyrium ist vor allem eine einschneidende geistliche Erfahrung: Es entspringt einem Herzen, das den Herrn als höchste Wahrheit und größtes und unverzichtbares Gut liebt. Möge dieser Schatz eurer Kirche auch in der wiedergewonnenen Freiheit reichliche Früchte bringen.

5. Einen Gruß voll besonderer Zuneigung will ich nun auch an die Gläubigen der lateinischen Kirche richten. Auch sie konnten, nachdem sie lange die Unterdrückung ihrer Freiheit erfahren hatten, ihre pastoralen Strukturen wieder festigen und erweitern: Das Ordensleben ist neu aufgeblüht; die Katechese wurde entschlossen wiederaufgenommen; die Werke der Nächstenliebe, oft gemeinsam und mit der Hilfe der Katholiken anderer Länder projektiert, leisten einen bedeutsamen Beitrag zum Wiederaufbau der Nation und öffnen für eine Zusammenarbeit, welche im Namen der Solidarität in Christus die Horizonte weitet. [Er sagte wieder auf italienisch:]

275 Haltet fest, liebe Brüder und Schwestern, an der vorrangigen Pflicht, den Herrn Jesus bekannt zu machen und die Begegnung mit ihm Wirklichkeit werden zu zu lassen. Damit möge er die verwundeten Herzen heilen, aufrechte und um das Gemeinwohl besorgte Gewissen schaffen, Hoffnungen erschließen, die nicht auf der Vergänglichkeit des Konsums und der Suche nach materiellem Wohlstand um jeden Preis, sondern auf den wahren Werten gründen, die allein eine sichere und glückliche Zukunft verschaffen können, da ihre Grundlage das Wort ist, das nie enttäuscht.

6. Meine lieben katholischen Gläubigen Rumäniens, ihr könnt stolz sein auf die wichtige Rolle, die ihr in der Geschichte eurer Nation innehattet und die ihr weiterhin mit Begeisterung wahrnehmen sollt, indem ihr euch eure reichen Traditionen zunutze macht. So werdet ihr zur Förderung des Wachstums der gesamten Gesellschaft beitragen.

Damit das auf schnellere und einschneidendere Weise vollbracht werden kann, ist es allerdings unerläßlich, vollends die Einheit unter den Jüngern Christi wiederherzustellen. Die Einheit der Kirche ist ein Geschenk des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, um das wir unablässig bitten müssen. Sie ist auch eine jedem von uns aufgetragene Verpflichtung, ein Weg, den wir niemals müde werden dürfen, beharrlich weiterzugehen, auch wenn gewisse Schwierigkeiten uns manchmal zu entmutigen drohen.

Den Blick fest auf Jesus, den Urheber und Vollender des Glaubens (vgl.
He 12,2), gerichtet, vertieft ihr euren Einsatz für die Einheit immer mehr und laßt nie ab, darauf hinzuwirken, daß diese eines nicht allzu fernen Tages zur tröstlichen Wirklichkeit für alle werden kann.

7. »Wer […] die Wahrheit tut, kommt zum Licht« (Jn 3,21).

In dieser Feier beten wir, daß die gesamte Gemeinschaft der Katholiken in Rumänien, die griechisch- katholische, die lateinische und die armenische, sich, »von der Liebe geleitet, an die Wahrheit halten« (Ep 4,15) möge, um auf ihrem Antlitz ganz das Licht Christi widerzustrahlen und somit ihrerseits Licht für die Völker zu sein, zu denen sie gesandt ist.

Bischöfe, Priester, Ordensleute, Familien, junge Menschen: Wachst in allem auf Christus hin, durch den der ganze Leib Kraft empfängt, um in Liebe aufgebaut zu werden (vgl. Ep 4,16)!

In alten Quellen wird eure Heimat »Garten der Jungfrau Maria« genannt. Dieses schöne Bild läßt an die fürsorgliche Liebe denken, mit der die Muttergottes sich ihrer Kinder annimmt. Sie, die mit ihrer Gegenwart und ihrem Gebet die erste Christengemeinde stützte, lenke mit ihrem Beistand das Leben der griechisch-katholischen wie der lateinischen Kirche in ihren Gliedern, damit sie – auch dank des Jubiläumsjahres – ohne Flecken und Falten zur Verherrlichung Gottes erstrahlen. Amen.

APOSTOLISCHE REISE NACH FATIMA

SELIGSPRECHUNG DER HIRTENKINDER JACINTA UND FRANCISCO

Samstag, 13. Mai 2000

1.»Ich preise dich, Vater, […] weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast« (Mt 11,25).

Mit diesen Worten, liebe Brüder und Schwestern, lobt Jesus den Vater im Himmel für seine Pläne; er weiß, daß niemand zu ihm kommen kann, wenn ihn nicht der Vater zu ihm hinführt (vgl. Jn 6,44); und daher lobt er diesen Plan und stimmt ihm in Kindeshaltung zu: »Ja, Vater, so hat es dir gefallen« (Mt 11,26). Es hat dir gefallen, das Himmelreich den Unmündigen zu öffnen.

276 Nach dem göttlichen Plan ist »eine Frau, mit der Sonne bekleidet« (Ap 12,1), vom Himmel auf diese Erde herabgekommen, um die vom Vater bevorzugten Unmündigen aufzusuchen. Sie spricht mit der Stimme und dem Herzen einer Mutter zu ihnen: Sie lädt sie ein, sich als Sühneopfer darzubringen, und erklärt sich bereit, sie sicher vor Gott zu führen. Und siehe, sie sehen ein Licht von ihren Mutterhänden ausgehen, das sie bis ins Innerste durchdringt, so daß sie sich in Gott eingetaucht fühlen – wie wenn jemand sich im Spiegel betrachtet, so beschreiben sie es.

Später erklärte Francisco, einer der drei Bevorzugten: »Wir brannten in jenem Licht, das Gott ist, aber wir verbrannten nicht. Wie ist Gott? Das kann man nicht sagen. Ja, das ist etwas, das wir Menschen nicht sagen können.« Gott: ein Licht, das brennt, aber nicht verbrennt. Dieselbe Wahrnehmung hatte Mose, als er Gott im brennenden Dornbusch sah; dabei sprach Gott zu ihm, besorgt über die Knechtschaft seines Volkes und entschlossen, es durch seine Hand zu befreien: »Ich werde mit dir sein« (vgl. ). Alle, die diese göttliche Gegenwart in sich aufnehmen, werden zur Wohnstatt und folglich zum »brennenden Dornbusch« des Allerhöchsten.

2. Was den sel. Francisco am meisten wunderte und ganz in Ansprach nahm, war Gott in jenem immensen Licht, das sie alle drei bis in ihr Innerstes durchdrungen hatte. Nur ihm jedoch zeigte sich Gott »so traurig«, wie er es ausdrückte. Eines Nachts hörte sein Vater ihn schluchzen und fragte ihn, warum er weinte; der Sohn antwortete: »Ich dachte an Jesus, der so traurig ist wegen der Sünden, die gegen ihn begangen werden.« Ein einziger – für die Denkart der Kinder so bezeichnender – Wunsch bewegt von nun an Francisco, und es ist der, »Jesus zu trösten und froh zu machen«.

In seinem Leben bringt er eine Wandlung zuwege, die man als radikal bezeichnen könnte; eine Wandlung, wie sie für Kinder seines Alters sicher nicht alltäglich ist. Er gibt sich einem intensiven geistlichen Leben hin, das sich in eifrigem und inbrünstigem Gebet niederschlägt, so daß er zu einer wahren Form mystischer Vereinigung mit dem Herrn gelangt. Und gerade das bringt ihn zu einer fortschreitenden Läuterung des Geistes durch vielerlei Verzicht auf Angenehmes, selbst unschuldige Kinderspiele.

Francisco ertrug die großen Leiden, welche die Krankheit verursachte, die zu seinem Tod führte, ohne jede Klage. Alles schien ihm wenig, um Jesus zu trösten; er starb mit einem Lächeln auf seinen Lippen. Groß war in dem kleinen Jungen der Wunsch, Sühne zu leisten für die Beleidigungen der Sünder; und so strengte er sich an, gut zu sein, und opferte Verzicht und Gebete auf. Und Jacinta, seine fast zwei Jahre jüngere Schwester, lebte von denselben Gefühlen getragen.

3. »Ein anderes Zeichen erschien am Himmel: ein Drache, groß und feuerrot« (Ap 12,3).

Diese Worte aus der ersten Lesung der Messe lassen uns an den großen Kampf denken, der zwischen Gut und Böse stattfindet, wobei wir feststellen können, daß der Mensch, wenn er Gott auf die Seite schiebt, nicht zum Glück gelangen kann, ja letzten Endes sich selbst zerstört.

Wie viele Opfer während des letzten Jahrhunderts des zweiten Jahrtausends! Es kommen einem die Schrecken des Ersten und Zweiten Weltkriegs und vieler anderer Kriege in so vielen Teilen der Welt in den Sinn, die Konzentrations- und Vernichtungslager, die Gulags, die ethnischen Säuberungen und die Verfolgungen, der Terrorismus, die Entführung von Menschen, die Drogen, die Angriffe gegen die Ungeborenen und die Familie.

Die Botschaft von Fatima ist ein Aufruf zur Umkehr, eine Warnung an die Menschheit, nicht das Spiel des »Drachens« mitzuspielen, der mit seinem Schwanz »ein Drittel der Sterne vom Himmel [fegte]« und »sie auf die Erde herab[warf]« (Ap 12,4). Das letzte Ziel des Menschen ist der Himmel, seine wahre Wohnung, wo der himmlische Vater in seiner barmherzigen Liebe auf alle wartet.

Gott will, das niemand verloren geht; deshalb hat er vor zweitausend Jahren seinen Sohn auf die Erde gesandt, »um zu suchen und zu retten, was verloren ist« (Lc 19,10). Und er hat uns gerettet durch seinen Tod am Kreuz; niemand bringe das Kreuz um seine Kraft! Jesus ist gestorben und auferstanden, um »der Erstgeborene von vielen Brüdern« (Rm 8,29) zu sein.

In ihrer mütterlichen Fürsorge ist die Heiligste Jungfrau hierher, nach Fatima, gekommen, um die Menschen aufzufordern, daß sie »Gott, unseren Herrn, nicht mehr beleidigen, der schon so viel beleidigt wird«. Der Schmerz der Mutter veranlaßt sie, zu sprechen; auf dem Spiel steht das Schicksal ihrer Kinder. Deshalb sagt sie zu den Hirtenkindern: »Betet, betet viel, und bringt Opfer für die Sünder; denn viele Seelen kommen in die Hölle, weil niemand da ist, der sich für sie opfert und für sie betet.«

277 4. Die kleine Jacinta fühlte und lebte diese Sorge der Muttergottes als ihre eigene, und sie brachte sich heldenmütig als Opfer für die Sünder dar. Eines Tages – sie und Francisco waren bereits erkrankt und gezwungen, im Bett zu liegen – kam die Jungfrau Maria, sie zu Hause zu besuchen, wie Jacinta berichtet: »Die Muttergottes kam uns besuchen und sagte, daß sie sehr bald Francisco mit sich in den Himmel nehmen werde. Und mich fragte sie, ob ich noch mehr Sünder bekehren wollte. Ich sagte ihr: Ja.« Und als für Francisco der Augenblick des Abschiednehmens gekommen ist, trägt Jacinta ihm auf: »Bringe unserem Herrn und unserer Herrin viele Grüße von mir, und sage ihnen, daß ich alles leide, was sie verlangen, um die Sünder zu bekehren.« Die Schau der Hölle bei der Erscheinung vom 13. Juli hatte in Jacinta einen solchen Eindruck hinterlassen, daß keine Abtötung und Buße zuviel war, um die Sünder zu retten.

Zu Recht könnte Jacinta mit Paulus ausrufen: »Jetzt freue ich mich in den Leiden, die ich für euch ertrage. Für den Leib Christi, die Kirche, ergänze ich in meinem irdischen Leben das, was an den Leiden Christi noch fehlt« (
Col 1,24). Vergangenen Sonntag haben wir beim Kolosseum in Rom das Gedächtnis der vielen Glaubenszeugen des 20. Jahrhunderts begangen und anhand bedeutsamer Zeugnisse, die sie uns hinterlassen haben, der Peinigungen gedacht, die sie erlitten. Eine unzählbare Schar mutiger Glaubenszeugen hat uns ein kostbares Erbe vermacht, das im dritten Jahrtausend lebendig erhalten werden muß. Hier in Fatima, wo diese Zeiten der Drangsal angekündigt worden sind und die Muttergottes zu Gebet und Buße aufforderte, um sie abzukürzen, will ich heute dem Himmel Dank sagen für die Kraft des Zeugnisses, die sich in all diesen Lebensgeschichten erwiesen hat. Und noch einmal möchte ich die Güte des Herrn mir gegenüber erwähnen, als ich, hart getroffen, an jenem 13. Mai 1981 vom Tode errettet wurde. Meine Dankbarkeit gilt auch der sel. Jacinta für die Opfer und Gebete, die sie für den Heiligen Vater darbrachte, den sie so sehr hat leiden sehen.

5. »Ich preise dich, Vater, weil du all das den Unmündigen offenbart hast.« Der Lobpreis Jesu nimmt heute die feierliche Form der Seligsprechung der Hirtenkinder Francisco und Jacinta an. Die Kirche will mit diesem Ritus diese zwei Kerzen auf den Leuchter stellen, die Gott entzündet hat, um die Menschheit in ihren dunklen und sorgenvollen Stunden zu erleuchten. Sie mögen leuchten über dem Weg dieser riesigen Menge von Pilgern und all denen, die über Radio und Fernsehen mit uns verbunden sind. Sie mögen ein freundliches Licht sein, um ganz Portugal, und in besonderer Weise diese Diözese Leiria-Fatima, zu erleuchten.

Ich danke Bischof Serafim, Diözesanbischof dieser berühmten Teilkirche, für seine Willkommensworte, und mit großer Freude grüße ich den ganzen portugiesischen Episkopat und seine Diözesen, die ich sehr liebe und auffordere, ihre Heiligen nachzuahmen. Einen brüderlichen Gruß den anwesenden Kardinälen und Bischöfen mit besonderer Erwähnung der Hirten von Gemeinschaften portugiesischsprechender Länder: Die Jungfrau Maria möge die Aussöhnung des angolanischen Volkes erwirken; sie möge den Überschwemmungsopfern in Mosambik Trost bringen; sie möge wachen über dem Weg von Timor Lorosae [Ost-Timor], Guinea-Bissau, Kapverden, São Tomé und Príncipe; sie bewahre in der Einheit des Glaubens ihre Söhne und Töchter in Brasilien.

Mit ehrerbietiger Hochachtung grüße ich den Herrn Staatspräsidenten und die anderen Vertreter der Behörden, die an dieser Feier haben teilnehmen wollen, und möchte bei dieser Gelegenheit in der Person des Regierungschefs allen für ihre Mitarbeit am guten Gelingen meiner Pilgerreise danken. Ein herzlicher Gruß und besonderer Segen gehen an die Pfarre und Stadt Fatima, die sich heute über ihre zur Ehre der Altäre erhobenen Kinder freuen.

6. Mein letztes Wort gilt den Kindern: Liebe Jungen und Mädchen, ich sehe viele von euch wie Francisco und Jacinta gekleidet. Das steht euch sehr gut! Aber früher oder später werdet ihr diese Kleider ablegen und … dann verschwinden die Hirtenkinder. Meint ihr nicht, daß sie nicht verschwinden sollten?! In der Tat braucht die Muttergottes euch alle sehr, um Jesus zu trösten, der traurig ist über die Dummheiten, die begangen werden; sie braucht eure Gebete und Opfer für die Sünder.

Bittet eure Eltern und Erzieher, daß sie euch in die »Schule« der Muttergottes schicken, damit sie euch lehre, wie die Hirtenkinder zu sein, die alles zu tun bestrebt waren, was sie von ihnen verlangte. Ich sage euch: »In kurzer Zeit der Unterwürfigkeit unter Maria und der Abhängigkeit von ihr macht man größere Fortschritte als in langen Jahren des Eigenwillens und Selbstvertrauens « (Ludwig Maria Grignion de Montfort, Abhandlung über die vollkommene Andacht zu Maria, Freiburg/Schweiz 1925, Nr. 155). Auf diese Weise wurden die Hirtenkinder schnell heilig. Eine Frau, die Jacinta in Lissabon bei sich aufgenommen hatte und die guten und weisen Ratschläge hörte, die das Mädchen gab, fragte sie, wer sie das gelehrt hatte. »Das war die Muttergottes «, antwortete sie. Indem sie sich mit völliger Ergebenheit von einer so guten Lehrerin anleiten ließen, haben Jacinta und Francisco in kurzer Zeit die Gipfel der Vollkommenheit erreicht.

7. »Ich preise dich, Vater, weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast.«

Ich preise dich, Vater, für alle deine Unmündigen, angefangen bei der Jungfrau Maria, deiner demütigen Magd, bis hin zu den Hirtenkindern Francisco und Jacinta.

Möge die Botschaft ihres Lebens stets lebendig bleiben, um den Weg der Menschheit zu erleuchten!

Predigten 1978-2005 270