
Benedikt XVI Predigten 131
131
Vorplatz der Basilika "Santa Maria degli Angeli"
Sonntag, 17. Juni 2007
Liebe Jugendliche,
danke für diesen so herzlichen Empfang; ich spüre den Glauben in euch, ich spüre eure Freude, katholische Christen zu sein! Danke für die Worte der Zuneigung und die wichtigen Fragen, die eure beiden Vertreter an mich gerichtet haben. Ich hoffe, im Laufe dieser Begegnung etwas zu diesen Fragen zu sagen, die Lebensfragen sind; ich kann daher jetzt keine erschöpfende Antwort geben, aber ich werde versuchen, etwas dazu zu sagen. Aber zuerst grüße ich euch alle, die Jugendlichen dieser Diözese Assisi – Nocera Umbra – Gualdo Tadino mit eurem Bischof Domenico Sorrentino. Ich grüße euch, die Jugendlichen aus allen Diözesen Umbriens, die mit ihren Hirten hierhergekommen sind. Mein Gruß gilt natürlich auch euch, den jungen Menschen, die ihr aus anderen Regionen Italiens gekommen seid, begleitet von euren franziskanischen Animatoren. Herzlich grüße ich Kardinal Attilio Nicora, meinen Legaten für die päpstlichen Basiliken in Assisi und die Generalminister der verschiedenen franziskanischen Ordensgemeinschaften.
Zusammen mit Franziskus empfängt uns hier das Herz der Mutter, der »Jungfrau, zur Kirche gemacht «, wie er sie im Gebet gerne nannte (vgl. Gruß an die selige Jungfrau Maria, 1: FF 259). Franziskus empfand eine besondere Liebe für das Portiunkula-Kirchlein, das in dieser Basilika »Santa Maria degli Angeli« bewahrt wird. Es gehörte zu den Kirchen, die er in den ersten Jahren seiner Bekehrung wiederherstellte und wo er das Evangelium von der Aussendung der Jünger hörte und meditierte (vgl. 1 Cel I,9,22: FF 356). Nach den Anfängen bei Rivotorto errichtete er hier das »Hauptquartier« des Ordens, wo die Brüder die Möglichkeit haben sollten, sich gleichsam wie im Mutterschoß zu sammeln, um Kraft zu schöpfen und, von apostolischem Eifer erfüllt, wieder aufzubrechen. Hier erhielt er für alle eine Quelle der Barmherzigkeit in der Erfahrung der »großen Vergebung«, die wir alle immer nötig haben. Hier schließlich erlebte er seine Begegnung mit »Bruder Tod«.
Liebe Jugendliche, ihr wißt, daß der Grund, der mich nach Assisi geführt hat, der Wunsch war, den inneren Weg des hl. Franziskus erneut zu erleben aus Anlaß des 800. Jahrestages seiner Bekehrung. Dieser Augenblick meiner Pilgerfahrt hat eine besondere Bedeutung. Ich habe mir diesen Moment gleichsam als den Höhepunkt meines Tages vorgestellt. Der hl. Franziskus spricht alle an, aber ich weiß, daß er gerade auf euch junge Menschen eine besondere Anziehungskraft ausübt. Das bestätigt mir eure so zahlreiche Anwesenheit wie auch die Fragen, die ihr mir gestellt habt. Seine Bekehrung geschah, als er auf dem Höhepunkt seiner Kräfte, seiner Erfahrungen, seiner Träume war. Er hatte 25 Jahre gelebt, ohne den Sinn des Lebens zu verstehen. Wenige Monate bevor er starb, sollte er sich an diese Zeit erinnern als eine Zeit, in der er »in Sünden war« (vgl. 2 Test 1: FF 110).
An was dachte Franziskus, wenn er von Sünden sprach? Aus den Biographien, von denen jede ihr eigenes Profil hat, ist dies nicht leicht zu ersehen. Ein eindrucksvolles Bild seiner Art zu leben findet sich in der Dreigefährtenlegende, wo zu lesen ist: »… denn er war viel freigebiger und heiterer. Er tat sich mit Gleichgesinnten zusammen und durchzog dem Spiel und Sang ergeben, Tag und Nacht die Stadt Assisi. Beim Ausgeben von Geld war er so überaus verschwenderisch, daß er alles, was er haben und verdienen konnte, für Gastmähler und andere Dinge verwendete« (1,2: FF 1396). Über wie viele Jugendliche auch unserer Tage könnte man nicht etwas Ähnliches sagen? Heute besteht zudem die Möglichkeit, sich weit über die eigene Stadt hinaus zu vergnügen. Die Veranstaltungen an den Wochenenden ziehen viele Jugendliche an. Man kann auch »virtuell « im Internet »umherziehen« auf der Suche nach Informationen oder Kontakten jeder Art. Leider gibt es auch Jugendliche – und es sind viele, zu viele! –, die ebenso oberflächliche wie zerstörerische geistige Welten in den künstlichen Paradiesen der Droge suchen. Wie sollte man nicht sehen, daß viele june Menschen – und auch weniger junge Menschen – versucht sind, dem Leben des jungen Franziskus zu folgen, das er vor seiner Bekehrung geführt hat? Hinter dieser Art zu leben stand die Sehnsucht nach Glück, die es in jedem menschlichen Herz gibt. Aber konnte dieses Leben wahre Freude schenken? Franziskus hat sie sicher nicht gefunden. Ihr selbst, liebe Jugendliche, könnt aufgrund eurer eigenen Erfahrung diese Tatsache überprüfen. Die Wahrheit ist, daß die endlichen Dinge eine Ahnung von der Freude vermitteln können, aber nur der Unendliche kann das Herz erfüllen: Das hat ein anderer großer Bekehrter gesagt, der hl. Augustinus: »Du hast uns auf dich hin geschaffen, o Herr, und ruhelos ist unser Herz, bis es ruhet in dir« (Confess. 1,1).
Derselbe biographische Text berichtet uns, daß Franziskus ziemlich eitel war. Es gefiel ihm, teure Kleider anfertigen zu lassen, und er suchte aufzufallen (Dreigefährtenlegende, 1,2: FF 1396). In der Eitelkeit, in dem Wunsch aufzufallen, gibt es etwas, das uns in irgendeiner Weise alle betrifft. Heute pflegt man von der »Imagepflege« oder »Imagesuche« zu sprechen. Um ein Minimum an Erfolg haben zu können, ist es nötig, sich in den Augen der anderen mit etwas Außergewöhnlichem, Originellen Geltung zu verschaffen. In beschränktem Maß kann dies ein Ausdruck des unschuldigen Wunsches sein, gut aufgenommen zu werden. Aber oft schleicht sich der Stolz ein, die übertriebene Suche nach uns selbst, der Egoismus und der Wille zu herrschen. In Wirklichkeit ist es eine tödliche Falle, das Leben auf sich selbst zu konzentrieren: Wir können nur wir selbst sein, wenn wir uns der Liebe öffnen, indem wir Gott und unsere Brüder und Schwestern lieben.
Eine Eigenschaft, die Franziskus’ Zeitgenossen beeindruckte, war auch sein Ehrgeiz, sein Durst nach Ruhm und Abenteuer. Das war es, was ihn auf das Schlachtfeld brachte, mit dem Ergebnis, daß er ein Jahr als Gefangener in Perugia war. Nach seiner Befreiung brachte ihn dieselbe Ruhmsucht dazu, in einer neuen militärischen Unternehmung nach Apulien zu gehen. Aber bei eben dieser Gelegenheit, in Spoleto, wurde der Herr in seinem Herzen gegenwärtig, führte ihn dazu, umzukehren und ernsthaft auf sein Wort zu hören. Es ist interessant anzumerken, daß der Herr Franziskus so nimmt, wie er ist, das heißt mit seinem Willen, berühmt zu werden, um ihm den Weg eines heiligen Ehrgeizes zu weisen, der ins Unendliche gerichtet ist: »Wer kann dir Besseres geben, der Herr oder der Knecht?« (Dreigefährtenlegende 2,6: FF 1401), so lautete die Frage, die in seinem Herzen widerhallte. Das bedeutete so viel wie: Warum gibst du dich damit zufrieden, in der Abhängigkeit von Menschen zu bleiben, wenn Gott bereit ist, dich in sein Haus und in seinen königlichen Dienst aufzunehmen?
Liebe Jugendliche, ihr habt mich an einige Probleme der Jugendzeit erinnert, an eure Schwierigkeit, euch eine Zukunft aufzubauen und besonders an die Mühe, die Wahrheit zu erkennen. In der Leidensgeschichte Jesu finden wir die Frage von Pilatus: »Was ist Wahrheit?« (Jn 18,38). Es ist die Frage eines Skeptikers, der sagt: »Du sagst zwar, du bist die Wahrheit, aber was ist die Wahrheit?« Und weil man die Wahrheit nicht erkennen kann, gibt Pilatus zu verstehen: Wir tun das, was praktischer ist, was mehr Erfolg hat, und ohne die Wahrheit zu suchen. Schließlich verurteilt er Jesus zum Tod, weil er dem Pragmatismus folgt, den Erfolg und das eigene Glück sucht. Auch heute sagen viele: »Aber, was ist die Wahrheit? Wir können Teile von ihr finden, aber die Wahrheit, wie sollten wir sie finden können?« Es ist wirklich schwierig zu glauben, daß dies die Wahrheit ist: Jesus Christus, das wahre Leben, der Kompaß unseres Lebens. Und dennoch, wenn wir anfangen – und dies ist eine große Versuchung – nur nach den Möglichkeiten des Augenblicks zu leben, ohne Wahrheit, verlieren wir in Wirklichkeit das Kriterium und auch das Fundament des gemeinsamen Friedens, das nur die Wahrheit sein kann. Und diese Wahrheit ist Christus. Die Wahrheit Christi hat sich im Leben der Heiligen aller Jahrhunderte bewahrheitet. Die Heiligen sind eine große leuchtende Spur in der Geschichte, die bezeugt: Das ist das Leben, das ist der Weg, das ist die Wahrheit. Deshalb haben wir den Mut, ja zu sagen zu Christus: »Deine Wahrheit wird im Leben vieler Heiliger bestätigt. Wir folgen dir!« Liebe Jugendliche, als ich aus der Basilika des hl. Franziskus hierherkam, habe ich gedacht, daß fast eine Stunde allein zu sprechen, vielleicht nicht gut ist. Deshalb denke ich, daß jetzt der Moment gekommen ist für eine Pause, für ein Lied. Ich weiß, daß ihr sehr viele Lieder vorbereitet habt, vielleicht kann ich jetzt eines eurer Lieder hören. (Es folgte eine Gesang.) Wir haben im Lied wiederholt gehört, daß Franziskus die Stimme gehört hat. Er hat in seinem Herzen die Stimme Christi gehört, und was geschieht? Es geschieht, daß er versteht: er muß sich in den Dienst der Nächsten stellen, besonders derer, die am meisten leiden. Das ist die Folge dieser ersten Begegnung mit der Stimme Christi. Heute morgen habe ich auf dem Weg durch Rivotorto einen Blick auf den Ort geworfen, wo der Überlieferung nach die Aussätzigen lebten: die Geringsten, die Ausgegrenzten, gegenüber denen Franziskus ein unüberwindliches Gefühl der Abscheu empfand. Von der Gnade ergriffen, öffnete er ihnen sein Herz. Und er tat dies nicht nur durch ein mitleidsvolles Almosen, das wäre zu wenig, sondern indem er sie küßte und ihnen diente. Er selbst bekennt, daß das, was ihm vorher bitter vorkam, »in Süßigkeit der Seele und des Leibes« verwandelt wurde (2 Test 3: FF 110).
Die Gnade beginnt also, Franziskus zu formen. Er wird immer fähiger, seinen Blick fest auf das Antlitz Christi zu richten und dessen Stimme zu hören. An diesem Punkt richtete der Gekreuzigte von »San Damiano« das Wort an ihn und berief ihn zu einer schwierigen Mission: »Franziskus, geh hin und stell mein Haus wieder her, das, wie du siehst, ganz verfallen ist!« (2 Cel I,6,10: FF 593). Als ich heute morgen haltgemacht habe in »San Damiano« und dann in der Basilika »Santa Chiara«, wo das originale Kreuz aufbewahrt wird, das zu Franziskus gesprochen hat, habe auch ich meinen Blick auf die Augen Christi gerichtet. Es ist das Bild des gekreuzigten und auferstandenen Christus, Leben der Kirche, der, wenn wir aufmerksam sind, auch in uns spricht, wie er vor 2000 Jahren zu seinen Aposteln und vor 800 Jahren zu Franziskus gesprochen hat. Die Kirche lebt beständig aus dieser Begegnung.
Ja, liebe Jugendliche: Lassen wir es zu, daß Christus uns begegnet! Vertrauen wir ihm, hören wir auf sein Wort. In ihm begegnen wir nicht nur einem faszinierenden Menschen. Sicher ist er vollkommen Mensch und uns in allem ähnlich, außer der Sünde (vgl. Hebr He 4,15). Aber er ist auch sehr viel mehr: Gott ist in ihm Mensch geworden und deshalb ist er der einzige Retter, wie sein Name sagt: »Jesus«, das heißt »Gott rettet«. Nach Assisi kommt man, um von Franziskus das Geheimnis zu lernen, wie man Jesus erkennt und ihn erfährt. Nach den Worten seines ersten Biographen empfand Franziskus für Jesus folgendes: »Jesus trug er stets im Herzen, Jesus im Munde, Jesus in den Ohren, Jesus in den Augen, Jesus in den Händen, Jesus in den übrigen Gliedern… Oft, wenn er seines Weges ging und ›Jesus‹ dachte oder sang, vergaß er seines Weges und forderte alle Elemente auf zum Lobe Jesu« (1 Cel II,9,115: FF 115). So sehen wir, daß die Gemeinschaft mit Jesus auch das Herz und die Augen für die Schöpfung öffnet.
Franziskus war in der Tat ein wahrhaft in Jesus Verliebter. Er begegnete ihm im Wort Gottes, in den Brüdern, in der Natur, aber vor allem in seiner eucharistischen Gegenwart. Dazu schrieb er in seinem Testament: »leiblicherweise sehe ich von ihm, dem höchsten Sohn Gottes, in dieser Welt nichts als seinen heiligsten Leib und sein heiligstes Blut« (2 Test 10: FF 113). Das Weihnachtsfest in Greccio ist Ausdruck seines Wunsches, ihn in der zarten Menschennatur des Kindes zu betrachten (vgl. 1 Cel II,9,115: FF 115). Die Erfahrung von La Verna, wo er die Stigmata erhalten hat, zeigt die tiefe Vertrautheit, die er in der Beziehung zum gekreuzigten Christus erreicht hat. Er konnte wirklich mit Paulus sagen: »Für mich ist Christus das Leben« (Ph 1,21). Wenn er alles verläßt und die Armut wählt, dann ist der Grund dafür Christus, und nur Christus. Jesus ist sein ein und alles: und das genügt ihm!
Weil er Christus gehört, ist Franziskus auch ein Mann der Kirche. Vom Gekreuzigten in »San Damiano« hatte er die Anweisung erhalten, das Haus Christi, das die Kirche ist, wiederherzustellen. Zwischen Christus und der Kirche gibt es eine innere und unauflösliche Verbindung. Dazu gerufen zu werden, sie wieder herzustellen, beinhaltete in der Sendung des hl. Franziskus sicher etwas ganz Persönliches und Neues. Zugleich war diese Aufgabe im Grunde nichts anderes als die Verantwortung, die Christus jedem Getauften überträgt. Auch zu jedem von uns sagt er: »Geh und stelle mein Haus wieder her.« Wir alle sind dazu berufen, in jeder Generation von neuem das Haus Christi, die Kirche, wieder herzustellen. Nur wenn wir dies tun, lebt die Kirche und wird sie schön. Und wie wir wissen, gibt es sehr viele Arten das Haus Gottes, die Kirche, wiederherzustellen, es aufzubauen, es zu errichten. Es wird aufgebaut durch die verschiedensten Berufungen, von der Berufung als Laie und als Familie bis hin zu einem Leben der besonderen Weihe und der Priesterberufung.
An diesem Punkt möchte ich ein besonderes Wort über die letztgenannte Berufung sagen. Franziskus, der Diakon, aber kein Priester war (1 Cel I,30,86: FF 470), hegte eine große Verehrung für die Priester. Wohl wissend, daß es auch unter den Dienern Gottes sehr viel Armut und Gebrechlichkeit gibt, sah er sie als Diener des Leibes Christi an, und das reichte aus, um in ihm Empfindungen der Liebe, der Verehrung und des Gehorsams zu wecken (2 Test 6–10: FF 112–113). Seine Liebe zu den Priestern ist eine Einladung, die Schönheit dieser Berufung wiederzuentdecken. Sie ist lebenswichtig für das Volk Gottes. Liebe Jugendliche, umgebt eure Priester mit Liebe und Dankbarkeit. Wenn der Herr jemand von euch zu diesem großen Dienst berufen sollte oder auch zu einer Form des geweihten Lebens, zögert nicht euer »Ja« zu sagen. Ja, es ist nicht leicht, aber es ist schön, dem Herrn zu dienen, es ist schön, sein Leben für ihn hinzugeben!
Der junge Franziskus spürte gegenüber seinem Bischof wahrhaft die Zuneigung eines Sohnes, und er legte in seine Hände, nachdem er sich von allem entblößt hatte, das Versprechen eines nunmehr ganz dem Herrn geweihten Lebens ab (vgl. 1 Cel I,6,15: FF 344). Er war sich in besonderer Weise der Sendung des Stellvertreters Christi bewußt, dem er seine Regel vorlegte und seinen Orden anvertraute. Wenn die Päpste im Laufe der Geschichte eine so große Zuneigung zu Assisi gezeigt haben, ist dies gewissermaßen eine Erwiderung der Zuneigung, die Franziskus zum Papst hatte. Ich bin glücklich, liebe Jugendliche, hier zu sein auf den Spuren meiner Vorgänger und besonders meines Freundes, des geliebten Papst Johannes Paul II.
Wie in konzentrischen Kreisen breitet sich Franziskus’ Liebe zu Jesus nicht nur auf die Kirche aus, sondern auf alle Dinge, die er in Christus und durch Christus sieht. Von dort her entsteht der Lobpreis auf die Geschöpfe, in welchem das Auge auf dem Glanz der Schöpfung ruht: von Schwester Sonne und Bruder Mond hin zu Schwester Wasser und Bruder Feuer. Sein innerer Blick ist so rein und durchdringend geworden, daß er die Schönheit des Schöpfers in der Schönheit der Geschöpfe wahrnimmt. Noch bevor der Sonnengesang ein sehr hohes Beispiel der Dichtkunst und eine implizite Einladung zum Respekt der Natur ist, ist er ein Gebet, ein an den Herrn, den Schöpfer aller Dinge, gerichtetes Lob.
Im Zeichen des Gebetes ist auch der Einsatz des hl. Franziskus für den Frieden zu sehen. Dieser Aspekt seines Lebens ist von großer Aktualität in einer Welt, die den Frieden so nötig hat und den Weg dazu nicht findet. Franziskus war ein Mann des Friedens und ein Friedensstifter. Das zeigte sich auch in der Sanftmut, mit der er – ohne jedoch jemals seine Glauben zu verschweigen – Menschen anderen Glaubens gegenübertrat, wie es seine Begegnung mit dem Sultan zeigt (vgl. 1 Cel I,20,57: FF 422). Wenn heute der interreligiöse Dialog, besonders nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, zu einem gemeinsamen und unverzichtbaren Erbe der christlichen Sensibilität geworden ist, kann uns Franziskus helfen, einen echten Dialog zu führen, ohne in eine Haltung der Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit zu verfallen und ohne eine Abschwächung unserer christlichen Verkündigung. Daß er ein Mann des Friedens, der Toleranz, des Dialogs war, entsprang immer seiner Erfahrung eines Gottes, der Liebe ist. Sein Friedensgruß ist nicht ohne Grund ein Gebet: »Der Herr gebe dir den Frieden« (2 Test 33: FF 121).
Liebe Jugendliche, eure zahlreiche Anwesenheit hier zeigt, wie sehr die Gestalt des Franziskus zu eurem Herzen spricht. Ich übergebe euch gerne erneut seine Botschaft, aber vor allem sein Leben und sein Zeugnis. Es ist Zeit, daß die jungen Menschen ernst machen wie Franziskus und in eine persönliche Beziehung zu Jesus eintreten. Es ist Zeit, die Geschichte dieses dritten Jahrtausends, das vor kurzem begonnen hat, als eine Geschichte anzusehen, die es mehr denn je nötig hat, vom Sauerteig des Evangeliums durchdrungen zu werden.
Ich mache mir nochmals die Einladung meines geliebten Vorgängers Johannes Paul II. zu eigen, die er besonders gerne an die Jugendlichen richtete: »Öffnet die Tore für Christus«. Öffnet sie, wie Franziskus es tat, ohne Angst, ohne Berechnung, ohne Maß. Seid, liebe Jugendliche, meine Freude, wie ihr die Freude Johannes Pauls II. wart. Von dieser Basilika aus, die der Muttergottes von den Engeln geweiht ist, lade ich euch zur »Agora« der italienischen Jugendlichen Anfang September beim Heiligen Haus von Loreto ein.
Euch allen erteile ich meinen Segen. Danke für alles, für eure Gegenwart, für euer Gebet.
Donnerstag, 21. Juni 2007
Heiligkeit!
Mit Freude begrüße ich Sie im Vatikan zusammen mit den Bischöfen und Priestern, die Sie bei diesem Besuch begleiten. Mein herzlicher Gruß gilt auch allen Mitgliedern des Heiligen Synod, den Priestern und den Gläubigen der assyrischen Kirche des Ostens. So wie der hl. Paulus bete auch ich: »Der Herr des Friedens aber schenke euch den Frieden zu jeder Zeit und auf jede Weise« (2Th 3,16).
Bei verschiedenen Anlässen sind Eure Heiligkeit und mein geliebter Vorgänger Papst Johannes Paul II. zusammengetroffen. Ganz besonders bedeutsam war Ihr Besuch im November 1994, als Sie in Begleitung verschiedener Mitglieder des Heiligen Synods nach Rom kamen, um die Gemeinsame Erklärung zur Christologie zu unterzeichnen. Diese Erklärung beinhaltete auch den Beschluß, eine Gemeinsame Kommission für den Theologischen Dialog zwischen der katholischen Kirche und der assyrischen Kirche des Ostens zu gründen. Die Gemeinsame Kommission widmete sich dem wichtigen Studium des sakramentalen Lebens in unseren jeweiligen Traditionen und konnte bezüglich der Anaphora der Apostel Addai und Mari eine Einigung herbeiführen. Mit tiefer Dankbarkeit anerkenne ich die Resultate dieses Dialogs, die im Hinblick auf andere umstrittene Fragen auf weitere Fortschritte hoffen lassen. Gewiß verdienen diese Erfolge besser bekannt und anerkannt zu werden, da sie verschiedene Formen pastoraler Zusammenarbeit zwischen unseren beiden Gemeinschaften ermöglichen.
Die assyrische Kirche des Ostens ist in jenen alten Ländern verwurzelt, deren Namen mit der Geschichte des göttlichen Heilsplans für alle Menschen verbunden sind. In den frühen Jahren der Kirche haben die Christen dieser Länder vor allem durch ihre missionarische Aktivität in den abgelegenen Gebieten des Ostens auf bemerkenswerte Art und Weise zur Verbreitung des Evangeliums beigetragen. Tragischerweise leiden die Christen in dieser Region heute sowohl in materieller als auch in spiritueller Hinsicht. Vor allem im Irak, der Heimat zahlreicher assyrischer Gläubigen, spüren die christlichen Familien und Gemeinschaften in zunehmendem Maß den durch Unsicherheit, Aggression und das Gefühl der Verlassenheit verursachten Druck. Viele von ihnen sehen keine andere Möglichkeit als die, das Land zu verlassen und im Ausland eine neue Zukunft zu suchen. Diese Probleme bereiten mir große Sorge, und ich möchte meine Solidarität mit den Hirten und den Gläubigen jener christlicher Gemeinschaften ausdrücken, die oft zum Preis heroischer Opfer dort ausharren. In diesen bedrängten Gebieten müssen die Gläubigen, Katholiken wie Assyrer, zusammenarbeiten. Ich hoffe und bete, daß sie stets wirksamere Wege finden werden, sich gegenseitig für das Wohl aller zu stützen und zu helfen.
Infolge späterer Auswanderungswellen leben heute zahlreiche Christen der Ostkirchen im Westen. Diese neue Situation stellt ihre christliche Identität und ihr Leben als Gemeinschaft vor eine Reihe von Herausforderungen. Doch gleichzeitig, wenn Christen des Ostens und des Westens Seite an Seite leben, bietet sich ihnen eine wertvolle Gelegenheit der gegenseitigen Bereicherung und des volleren Verständnisses der Katholizität der Kirche, die, als Pilgerin in dieser Welt, in einer Vielfalt von kulturellen, gesellschaftlichen und menschlichen Kontexten lebt, betet und für Christus Zeugnis ablegt. Mit voller Achtung der lehramtlichen und disziplinären Traditionen sind katholische und assyrische Christen berufen, antagonistische Haltungen und polemische Stellungnahmen zurückzuweisen, ihren gemeinsamen christlichen Glauben stets eingehender zu verstehen und als Brüder und Schwestern Zeugnis zu geben für Jesus Christus, »Gottes Kraft und Gottes Weisheit« (1Co 1,24).
Neue Hoffnungen und Möglichkeiten wecken gelegentlich neue Ängste, und das trifft auch zu im Hinblick auf ökumenische Beziehungen. Gewisse jüngste Entwicklungen in der assyrischen Kirche des Ostens haben für die vielversprechende Arbeit der Gemeinsamen Kommission einige Hindernisse erbracht. Es ist zu hoffen, daß die fruchtbare Arbeit, die die Kommission im Laufe der Jahre geleistet hat, fortgesetzt werden kann, ohne jemals das eigentliche Ziel unseres gemeinsamen Wegs zur Wiederherstellung der vollen Gemeinschaft aus den Augen zu verlieren.
Das Arbeiten für die christliche Einheit ist in der Tat eine Pflicht, die unserer Treue zu Christus, dem Hirten der Kirche, entspringt, der sein Leben hingegeben hat, um »die versprengten Kinder Gottes zu sammeln« (Joh 11,51–52). Wie lang und mühsam der Weg zur Einheit auch immer scheinen mag, der Herr fordert uns auf, unsere Hände und Herzen zu vereinen, damit wir ihn gemeinsam klarer und deutlicher bezeugen und unseren Brüdern und Schwestern besser dienen können, insbesondere in den notleidenden Regionen des Ostens, wo viele unserer Gläubigen voll Hoffnung und Erwartung auf uns, ihre Hirten, schauen.
Mit diesen Empfindungen möchte ich Eurer Heiligkeit nochmals danken für Ihre heutige Anwesenheit und Ihr Bestreben, den Weg des Dialogs und der Einheit weiterzugehen. Möge der Herr Ihr Amt reichlich segnen und Sie und die Gläubigen unterstützen, denen Sie mit seinen Gaben der Weisheit, der Freude und des Friedens dienen.
Clementina-Saal
Donnerstag, 21. Juni 2007
Seligkeit,
verehrte Mitbrüder im Bischofs- und im Priesteramt,
liebe Freunde der ROACO!
Die heutige Begegnung läßt mich mit Freude an meinen jüngsten Besuch in der Kongregation für die Orientalischen Kirchen anläßlich ihres 90jährigen Bestehens zurückdenken. Sie, Eminenz, haben mir bei dieser Gelegenheit im Namen der diesem Dikasterium angeschlossenen Einrichtungen einen besonderen Gruß übermittelt, und auch jetzt haben Sie erneut die herzlichen Wünsche aller zum Ausdruck gebracht. Gerne richte ich nun meinerseits meine Grüße an Seine Seligkeit Kardinal Ignace Moussa Daoud, an Erzbischof Antonio Maria Vegliò, an die Mitarbeiter der Kongregation, an die Verantwortlichen der zur ROACO (Union der Hilfswerke für die Orientalischen Kirchen) gehörenden Hilfswerke und nicht zuletzt an die Teilnehmer dieser Jahresversammlung.
Die Anwesenheit der verehrten Bischöfe der orientalischen Kirchen gibt mir die Möglichkeit, mit ihnen die Sorgen und Nöte zu teilen, die sie im Hinblick auf die heikle Situation vieler Gebiete des Nahen Ostens haben. Der so sehr erflehte und erwartete Frieden wird leider noch vielerorts mißachtet. Er wird mißachtet in den Herzen vieler einzelner Menschen und dies wiederum behindert die zwischenmenschlichen und gemeinschaftlichen Beziehungen. Hinzu kommen alte und neue Ungerechtigkeiten, welche die ohnehin geschwächte Position des Friedens weiterhin zuspitzen. Bis zu dem Punkt, an dem der Friede verschwindet und der Gewalt Platz macht, die oft in mehr oder weniger offen erklärte Kriege ausartet, die wiederum in der heutigen Zeit zum Brennpunkt internationaler Probleme werden. Gemeinsam mit jedem von euch und zusammen mit unseren Brüdern und Schwestern aller christlichen Kirchen und Gemeinschaften, aber auch mit denjenigen, die Gottes Namen ehren und die ihn mit aufrichtigem Gewissen suchen, sowie mit allen Menschen guten Willens möchte ich erneut an die Pforte des Herzens Gottes, des Schöpfers und Vaters, klopfen, um mit tiefem Vertrauen um das Geschenk des Friedens zu bitten. Ich klopfe auch an die Pforte des Herzens der Verantwortlichen, auf daß sie ihre wichtige Pflicht erfüllen, den Frieden für alle zu garantieren, ohne Unterschiede zu machen und indem sie ihn von der tödlichen Krankheit der religiösen, kulturellen, geschichtlichen und geographischen Diskriminierung befreien.
Durch den Frieden und dank der gemeinsamen Aufgabe eines stets aufrichtigen und verantwortungsvollen Dialogs möge die ganze Welt ihre eigentliche Berufung und Sendung wiederfinden, nämlich die des »gemeinsamen Hauses« aller Völker und Nationen. Ich möchte noch einmal zusichern, daß das Heilige Land, der Irak und der Libanon, mit all der Dringlichkeit und Beständigkeit, die ihnen zustehen, in den Taten und Gebeten des Apostolischen Stuhls und der Kirche stets präsent sind. Ich bitte daher die Kongregation für die Orientalischen Kirchen und alle ihr angeschlossenen Einrichtungen, diese Bemühungen ihrerseits zu bekräftigen mit dem Ziel, die Nähe und die Hilfe für unsere vielen Brüder und Schwestern zu intensivieren. Gerade sie sollen die kirchliche Brüderlichkeit verspüren, und, was wir mit unseren flehentlichen Gebeten herbeiwünschen, den baldigen Anbruch einer Zeit des Friedens sehen.
Mit diesen Gedanken erneuere ich das Beileid des Papstes an Seine Seligkeit den chaldäischen Patriarchen, der heute unter uns ist, anläßlich der barbarischen Ermordung eines wehrlosen Priesters und von drei Subdiakonen, zu der es am 3. Juni im Irak nach dem sonntäglichen Gottesdienst kam. Die gesamte Kirche begleitet mit Zuneigung und Bewunderung alle ihre Söhne und Töchter und steht ihnen in dieser schweren Stunde des Martyriums für den Namen Christi bei. Meine Umarmung gilt mit der gleichen Intensität auch dem päpstlichen Vertreter und den Priestern, die aus Israel und Palästina angereist sind. Sie sollen diese Umarmung an die Gläubigen weitergeben und somit ihre erprobte Hoffnung stärken. Meine herzlichen Grüße gelten auch dem Apostolischen Nuntius und den lieben Bischöfen aus der Türkei. Es ist mir eine Freude, in Erinnerung an meine Apostolische Reise festzustellen, welche Wertschätzung dieser geliebten kirchlichen Gemeinschaft entgegengebracht wird.
Liebe Freunde! Bei meinem bereits zuvor erwähnten Besuch im Dikasterium für die Orientalischen Kirchen habe ich folgendes zur Tätigkeit der ROACO gesagt: »Fortgesetzt und weiter ausgebaut werden muß die karitative Initiative, die von der Kongregation im Auftrag des Papstes durchgeführt wird, damit das Heilige Land und die übrigen ostkirchlichen Gebiete in geordneter und angemessener Weise die notwendige geistliche und materielle Unterstützung erhalten, um das normale kirchliche Leben führen und besonderen Bedürfnissen abhelfen zu können« (O.R. dt., Nr. 25, 22.6.2007, S. 10). Ich danke euch, daß ihr eine lobenswerte Art der Zusammenarbeit mit der Kongregation aufgebaut habt. Ich ermutige euch, weiter darauf hinzuarbeiten, daß dieser unersätzliche Beitrag, den ihr für das Zeugnis kirchlicher Nächstenliebe leistet, seine volle Entfaltung in der gemeinschaftlichen Form finde, in der er ausgeübt wird. Eure Anwesenheit bekräftigt den Willen, eine individualistische Planung der Hilfsmaßnahmen und der Verteilung der lobenswerterweise von der Nächstenliebe der Gläubigen bereitgestellten Mittel zu verhindern. Denn wie ihr bereits wißt, kann die Illusion, daß man alleine fruchtbringender handeln kann, sehr schädlich sein: die Mühen der Konfrontation und der Zusammenarbeit sind immer Garantie für einen geordneten und gerechten Einsatz. Und es ist erwiesen, daß nicht die einzelnen Menschen, sondern vielmehr die Kirche in der Lage ist, die Gaben, die uns der Herr in seiner unendlichen Güte gegeben hat, an alle gerecht zu verteilen.
Hinsichtlich der unumkehrbaren Entscheidung für die Ökumene und der unumkehrbaren Entscheidung für den interreligiösen Dialog, die von mir mehrmals bekräftigt wurden, liegt es mir bei dieser Gelegenheit sehr am Herzen, zu unterstreichen, wie sehr diese beiden Bestrebungen von der Bewegung der kirchlichen Nächstenliebe genährt werden. Gerade diese beiden Entscheidungen sind nichts anderes als der Ausdruck eben dieser Nächstenliebe, die allein es vermag, den Dialog zu fördern und unerwartete Horizonte zu eröffnen. Während wir den Herrn anflehen, daß er bald den Tag der vollen Einheit der Christen und das viel erwartete und von respektvollem Einvernehmen beseelte friedliche Zusammenleben der Religionen herbeiführen möge, bitten wir Ihn auch, unsere Bemühungen zu segnen und uns zu erleuchten, daß unsere Werke niemals zum Nachteil, sondern nur zum Aufbau der kirchlichen Gemeinschaft dienen. Er möge unsere Aufmerksamkeit dahingehend richten, daß wir nicht jeglicher Art von Gleichgültigkeit verfallen und wir in der Ausübung der Nächstenliebe niemals die Mission der ansässigen katholischen Gemeinschaft mißachten. Mit ihrer Hilfe und dank der Achtung, die wir den verschiedenen rituellen Ausdrucksformen entgegenbringen, soll unsere ökumenische und interreligiöse Sensibilität konkrete Gestalt annehmen.
Eingedenk des Wortes des hl. Paulus: »So ist weder der etwas, der pflanzt, noch der, der begießt, sondern nur Gott, der wachsen läßt« (1 Kor 3,7, werden wir immer im Gebet den eigentlichen Ursprung der Verpflichtung zur Nächstenliebe finden und im Gebet werden wir auch ihre Authentizität wiederfinden. Sehr deutlich ist auch die Mahnung des Apostels: »Der Gnade Gottes entsprechend, die mir geschenkt wurde, habe ich wie ein guter Baumeister den Grund gelegt; ein anderer baut darauf weiter. Aber jeder soll darauf achten, wie er weiterbaut. Denn einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist: Jesus Christus« (1 Kor 3,10–11). Es ist unerläßlich, daß unsere Taten in der Eucharistie verwurzelt sind. Auf der Grundlage dieses »eucharistischen Maßstabes« müssen sich die Perspektiven für die Bewegung der kirchlichen Nächstenliebe entwickeln: nur das, was nicht im Widerspruch steht zum Mysterium der eucharistischen Liebe und zur ihr entspringenden Sicht des Kosmos, des Menschen und der Geschichte, sondern was sich vielmehr in ihr wiederfindet und aus ihr nährt, ist Garantie für die Echtheit unseres Glaubens und sichere Grundlage für unser zukünftiges Handeln. Eben dies habe ich im Nachsynodalen Apostolischen Schreiben Sacramentum caritatis hervorgehoben: »Die Speise der Wahrheit drängt uns, die menschenunwürdigen Situationen anzuprangern, in denen man wegen des von Ungerechtigkeit und Ausbeutung verursachten Nahrungsmangels stirbt, und gibt uns neue Kraft und neuen Mut, ohne Unterlaß am Aufbau der Zivilisation der Liebe zu arbeiten« (Nr. 90). Aber gerade diese eucharistische Inspiration unseres Handelns wird der Mensch tiefgehend hinterfragen, der vom Brot allein nicht leben kann (vgl. Lk Lc 4,4), um ihm das Mahl des ewigen Lebens anzukündigen, das Gott durch seinen Sohn Jesus bereitet hat.
Ich vertraue euch diese Aufgaben und Einsichten mit großer Zuversicht an und erneuere meinen tief empfundenen Dank an Seine Seligkeit Kardinal Ignace Moussa Daoud, der sich in den vergangenen Jahren auch als Vorsitzender der ROACO aufopferungsvoll eingesetzt hat. Ich rufe auf eure Arbeiten die Fürbitte der allerseligsten Gottesmutter Maria herab und erteile euch von Herzen den Apostolischen Segen.
Audienzenhalle
Samstag, 23. Juni 2007
Eminenz,
verehrte Damen und Herren,
liebe Freunde!
Mit besonderer Freude empfange ich euch im Rahmen der ersten Begegnung der Dozenten der europäischen Universitäten, die vom Rat der Europäischen Bischofskonferenzen gefördert, von Dozenten der römischen Universitäten organisiert und vom Büro für die Hochschulseelsorge des Vikariats von Rom koordiniert worden ist.
Die Begegnung findet am 50. Jahrestag des Abschlusses der Römischen Verträge statt, durch die die heutige Europäische Union ins Leben gerufen wurde. Unter ihren Teilnehmern befinden sich Hochschuldozenten aus allen Ländern des Kontinents, einschließlich des Kaukasus: Armenien, Georgien und Aserbaidschan. Ich danke dem Vorsitzenden des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen, Herrn Kardinal Péter Erdö, für seine freundlichen einleitenden Worte. Ich begrüße die Vertreter der italienischen Regierung, insbesondere diejenigen vom Ministerium für Universität und Forschung und vom Ministerium für die Kulturgüter und die kulturellen Aktivitäten, ebenso wie die Vertreter der Region Latium und der Provinz sowie der Stadt Rom. Mein Gruß richtet sich auch an die anderen zivilen und religiösen Obrigkeiten, die Rektoren und Dozenten der verschiedenen Universitäten, ebenso wie an die anwesenden Hochschulseelsorger und Studenten.
Das Thema eurer Begegnung – »Ein neuer Humanismus für Europa. Die Rolle der Universitäten « – lädt zu einer aufmerksamen kritischen Betrachtung der gegenwärtigen Kultur des Kontinents ein. In Europa herrscht zur Zeit eine gewisse soziale Instabilität und ein gewisses Mißtrauen gegenüber den traditionellen Werten, aber dennoch können seine herausragende Geschichte und seine bewährten akademischen Einrichtungen viel zum Aufbau einer hoffnungsvollen Zukunft beitragen. Die »Frage nach dem Menschen«, die im Mittelpunkt eurer Gespräche steht, ist grundlegend für ein korrektes Verständnis der gegenwärtigen kulturellen Entwicklungen. Sie bietet auch einen festen Ausgangspunkt für die Bemühungen der Universitäten, eine neue kulturelle Präsenz und neue Initiativen im Dienst eines stärker geeinten Europa zu schaffen. Die Förderung eines neuen Humanismus verlangt nämlich eine klare Vorstellung davon, worin diese »Neuheit« wirklich besteht. Weit davon entfernt, Frucht eines oberflächlichen Verlangens nach Neuem zu sein, muß das Streben nach einem neuen Humanismus ernsthaft der Tatsache Rechnung tragen, daß Europa heute große kulturelle Veränderungen erlebt, in denen die Männer und Frauen sich immer mehr bewußt werden, daß sie aufgerufen sind, sich aktiv an der Gestaltung ihrer eigenen Geschichte zu beteiligen. Historisch hat sich der Humanismus in Europa entwickelt, dank des fruchtbaren Austauschs zwischen den verschiedenen Kulturen seiner Völker und dem christlichen Glauben. Das heutige Europa muß seine wahre Tradition schützen und wieder von ihr Besitz ergreifen, wenn es seiner Berufung als Wiege des Humanismus treu bleiben will.
Die gegenwärtigen kulturellen Veränderungen werden oft als »Herausforderung« für die Hochschulkultur und für das Christentum selbst betrachtet und nicht als »Horizont«, vor dem kreative Lösungen gefunden werden können und müssen. Als Männer und Frauen mit höherer Bildung seid ihr berufen, euch an dieser schwierigen Aufgabe zu beteiligen, die eine tiefes Nachdenken über einige grundlegende Probleme erfordert.
An erster Stelle möchte ich hier die Notwendigkeit einer eingehenden Untersuchung der Krise der Moderne erwähnen. Die europäische Kultur wurde in den letzten Jahrhunderten stark vom Begriff der Moderne geprägt. Die gegenwärtige Krise hat jedoch weniger damit zu tun, daß die Moderne die Zentralität des Menschen und seiner Belange hervorhebt, als vielmehr mit den Problemen, die durch einen »Humanismus« entstehen, der den Anspruch erhebt, ein »regnum hominis« aufzubauen, das von seiner notwendigen ontologischen Grundlage losgelöst ist. Eine falsche Dichotomie zwischen Theismus und echtem Humanismus, die bis zu dem Extrem geführt wird, einen unlösbaren Konflikt zwischen dem göttlichen Gesetz und der menschlichen Freiheit zu postulieren, hat zu einer Situation geführt, in der die Menschheit sich trotz all ihrer wirtschaftlichen und technischen Fortschritte zutiefst bedroht fühlt. Wie mein Vorgänger, Papst Johannes Paul II., sagte, müssen wir uns fragen: »Wird der Mensch als Mensch im Zusammenhang mit diesem Fortschritt wirklich besser, das heißt geistig reifer, bewußter in seiner Menschenwürde, verantwortungsvoller, offener für den Mitmenschen?« (Redemptor hominis RH 15). Der Anthropozentrismus, der die Moderne kennzeichnet, darf niemals losgelöst werden von der vollen Wahrheit über den Menschen; und diese schließt seine transzendente Berufung ein.
Ein zweites Problem hängt mit der Erweiterung unseres Rationalitätsbegriffs zusammen. Um die Herausforderungen, die die gegenwärtige Kultur stellt, richtig zu verstehen und angemessene Antworten darauf zu finden, ist es notwendig, eine kritische Haltung einzunehmen gegenüber einengenden und letztlich irrationalen Versuchen, den Bereich der Vernunft einzuschränken. Der Vernunftbegriff muß im Gegenteil »geweitet« werden, damit man jene Aspekte der Wirklichkeit untersuchen und erfassen kann, die über das rein Empirische hinausgehen. Das ermöglicht einen fruchtbareren und komplementären Zugang zur Beziehung zwischen Glauben und Vernunft. Der Aufstieg der europäischen Universitäten wurde durch die Überzeugung gefördert, daß Glaube und Vernunft bei der Suche nach der Wahrheit zusammenwirken müssen – unter Achtung des Wesens und der rechtmäßigen Autonomie des anderen und dennoch in harmonischer und kreativer Zusammenarbeit, um der Erfüllung des Menschen in Wahrheit und Liebe zu dienen.
Ein drittes Problem, das untersucht werden muß, betrifft die Frage, welchen Beitrag das Christentum zum Humanismus der Zukunft leisten kann. Die Frage nach dem Menschen, und daher die Frage der Moderne, fordert die Kirche heraus, nach überzeugenden Wegen zu suchen, um der gegenwärtigen Kultur den »Realismus« ihres Glaubens an das Heilswerk Christi zu verkünden. Das Christentum darf nicht in die Welt des Mythos und der Gefühle verbannt werden, sondern es muß in seinem Anspruch respektiert werden, die Wahrheit über den Menschen ans Licht zu bringen und die Kraft zu besitzen, Männer und Frauen geistlich umzuwandeln, so daß sie ihrer Sendung in der Geschichte nachkommen können. Bei meinem jüngsten Besuch in Brasilien habe ich folgende Überzeugung zum Ausdruck gebracht: »Wenn wir nicht Gott in Christus und durch Christus kennen, verwandelt sich die ganze Wirklichkeit in ein unerforschliches Rätsel« (Ansprache bei der Eröffnung der Arbeiten der V. Generalversammlung der Bischofskonferenzen von Lateinamerika und der Karibik, 3; in O.R. dt., Nr. 20, 18.5.2007, S. 5). Das Wissen kann niemals auf den rein intellektuellen Bereich beschränkt werden; es schließt auch die Fähigkeit ein, die Dinge immer wieder aufs Neue vorurteilsfrei und ohne vorgefaßte Meinungen zu betrachten und »staunend« vor der Wirklichkeit zu stehen, deren Wahrheit durch das Zusammenspiel von Vernunft und Liebe entdeckt werden kann. Nur der Gott, der ein menschliches Antlitz hat und der in Jesus Christus offenbar wurde, kann uns davon abhalten, die Wirklichkeit gerade in dem Augenblick einzuschränken, in dem sie immer neuere und komplexere Verständnisebenen verlangt. Die Kirche ist sich ihrer Verantwortung bewußt, diesen Beitrag zur gegenwärtigen Kultur zu leisten.
In Europa wie überall auf der Welt braucht die Gesellschaft dringend den Dienst an der Weisheit durch die Hochschulgemeinschaft. Dieser Dienst beinhaltet auch praktische Aspekte: die Ausrichtung von Forschung und Arbeit auf die Förderung der Würde des Menschen und die schwierige Aufgabe, die Zivilisation der Liebe aufzubauen. Besonders die Hochschulprofessoren sind dazu berufen, die Tugend der intellektuellen Nächstenliebe zu verkörpern. Sie müssen ihre ursprüngliche Berufung wiederentdecken, die zukünftigen Generationen nicht nur durch die Weitergabe von Wissen, sondern auch durch das prophetische Zeugnis ihres eigenen Lebens zu unterweisen. Die Universität wiederum darf niemals ihre besondere Berufung aus den Augen verlieren, eine »universitas« zu sein, in der die verschiedenen Fächer, jedes nach seiner Art, als Teil eines größeren »unum« betrachtet werden. Wie dringend notwendig ist es doch, die Einheit des Wissens wiederzufinden und der Tendenz zur Zersplitterung und zu mangelnder Mitteilbarkeit, die in unseren Schulen nur allzu oft vorherrscht, entgegenzuwirken! Das Bemühen um einen Ausgleich zwischen dem Streben nach Spezialisierung und der Notwendigkeit, die Einheit des Wissens zu bewahren, kann die Einheit Europas fördern und dem Kontinent helfen, seine besondere kulturelle »Berufung« in der heutigen Welt wiederzuentdecken. Nur ein Europa, das sich seiner eigenen kulturellen Identität bewußt ist, kann einen spezifischen Beitrag zu anderen Kulturen leisten und gleichzeitig offen bleiben für den Beitrag anderer Völker.
Liebe Freunde, ich hoffe, daß die Hochschulen immer mehr zu Gemeinschaften werden, die sich unermüdlich für die Suche nach der Wahrheit einsetzen, »Werkstätten der Kultur«, in denen Dozenten und Studenten gemeinsam Fragen nachgehen, die für die Gesellschaft von besonderer Bedeutung sind. Dabei müssen interdisziplinäre Methoden angewandt werden und darf man auf die Mitarbeit der Theologen zählen. Das ist in Europa, wo es so viele namhafte katholische Einrichtungen und theologische Fakultäten gibt, einfach zu bewerkstelligen. Ich bin überzeugt, daß eine engere Zusammenarbeit und neue Formen des Miteinanders zwischen den verschiedenen akademischen Gemeinschaften die katholischen Hochschulen befähigen werden, Zeugnis zu geben von der historischen Fruchtbarkeit der Begegnung zwischen Glauben und Vernunft. Das Ergebnis wird konkret zur Erreichung der Ziele des Bologna-Prozesses beitragen und ein Ansporn sein, ein angemessenes Hochschulapostolat in den Ortskirchen zu entwickeln. Eine konkrete Unterstützung dieser Bemühungen, die die Europäischen Bischofskonferenzen zunehmend beschäftigen (vgl. Ecclesia in Europa, 58–59), kann von seiten jener kirchlichen Vereinigungen und Bewegungen kommen, die bereits im Hochschulapostolat tätig sind.
Liebe Freunde, mögen eure Gespräche in diesen Tagen fruchtbar sein und dabei helfen, ein aktives Netzwerk von Hochschuldozenten aufzubauen, die darum bemüht sind, der heutigen Kultur das Licht des Evangeliums zu bringen. Ich versichere euch und eure Familien eines besonderen Gebetsgedenkens und rufe auf euch und auf die Universitäten, in denen ihr arbeitet, den mütterlichen Schutz Mariens, Sitz der Weisheit, herab. Jedem von euch erteile ich von Herzen meinen Apostolischen Segen.
Montag, 25. Juni 2007
Herr Kardinal,
verehrte Mitbrüder im bischöflichen und im priesterlichen Dienst,
liebe Brüder und Schwestern!
Mit Freude habe ich die Einladung zum Besuch der Vatikanischen Apostolischen Bibliothek und des Vatikanischen Geheimarchivs angenommen, die Herr Kardinal Jean-Louis Tauran, Archivar und Bibliothekar der Heiligen Römischen Kirche, an mich gerichtet hat. Aufgrund des wichtigen Dienstes, den sie für den Heiligen Stuhl und für die kulturelle Welt leisten, verdienen diese beiden Institutionen seitens des Papstes besondere Aufmerksamkeit. Deshalb bin ich gern gekommen, um mit euch zusammentreffen. Ich danke für den herzlichen Empfang und grüße euch alle von Herzen. An erster Stelle grüße ich Herrn Kardinal Jean-Louis Tauran und danke ihm für die Grußworte, die er an mich gerichtet und für die Empfindungen, die er in eurem Namen zum Ausdruck gebracht hat. Mit gleicher Zuneigung grüße ich Bischof Raffaele Farina und den Präfekten des Vatikanischen Geheimarchivs, P. Sergio Pagano, sowie euch alle, die ihr hier anwesend seid, und alle Mitarbeiter, die in der Bibliothek und im Archiv mit verschiedenen Aufgaben betraut sind. Liebe Freunde, eure Tätigkeit ist nicht nur eine Arbeit, sondern, wie ich schon sagte, ein einzigartiger Dienst, den ihr für die Kirche und insbesondere für den Papst leistet.
Im übrigen ist ja bekannt, daß die Vatikanische Bibliothek, in der – wie Kardinal Tauran angekündigt hat – demnächst umfangreiche Restaurierungsarbeiten durchgeführt werden, nicht rein zufällig den Beinamen »Apostolisch« trägt. Sie wird nämlich seit ihrer Gründung als »Bibliothek des Papstes« betrachtet, die ihm direkt unterstellt ist. Der Diener Gottes Johannes Paul II. wollte auch in jüngerer Zeit an dieses Band erinnern, das die Apostolische Bibliothek mit dem Nachfolger Petri verbindet; ein Band, das ihre außerordentliche Sendung ins Licht stellt, die schon Papst Sixtus IV. herausgestellt hat: »Ad decorem militantis Ecclesiae et fidei augmentum – Zur Zierde der streitenden Kirche und zur Verbreitung des Glaubens.« Noch ein anderer meiner Vorgänger, Papst Nikolaus V., griff dies auf und wies auf ihre Zielsetzung hin mit den Worten: »Pro communi doctorum virorum commodo – Zum Nutzen und zum allgemeinem Interesse der Wissenschaftler.« Die Vatikanische Bibliothek hat sich diesen Auftrag im Laufe der Jahrhunderte durch eine unvergleichliche Profilierung zu eigen gemacht und hat ihn verfeinert, so daß sie heute ein gastfreundliches Haus der Wissenschaft, der Kultur und der Menschlichkeit ist, das seine Türen für Gelehrte aus allen Teilen der Welt öffnet, ohne Unterschied von Herkunft, Religion und Kultur. Eure Aufgabe, liebe Freunde, die ihr hier täglich arbeitet, ist es, die Synthese zwischen Kultur und Glauben zu bewahren, die von den wertvollen Dokumenten ausgeht, von den Schätzen, die ihr hütet, von den Mauern, die euch umgeben, von den Museen in der Nähe und von der herrlichen Basilika, die vor euren Fenstern zu sehen ist.
Ich kenne die Arbeit gut, die im schlichten und beinahe verborgenen täglichen Einsatz im Geheimarchiv geleistet wird, das das Ziel so vieler Forscher aus aller Welt ist: In den Handschriften, die nicht so prächtig wie die reichgeschmückten Kodizes der Apostolischen Bibliothek sind, aber nicht weniger bedeutsam für das geschichtliche Interesse, suchen die Forscher nach den Wurzeln vieler kirchlicher und ziviler Institutionen. Sie erforschen die Geschichte längst vergangener und auch jüngerer Zeiten; sie können die Züge berühmter Gestalten der Kirche und der Gesellschaften nachzeichnen und das vielseitige Werk der römischen Päpste und vieler Hirten besser bekannt machen. Das Vatikanische Archiv, das durch den klugen Weitblick Leos XIII. im Jahr 1881 zur Konsultation der Gelehrten geöffnet wurde, hat ganzen Generationen von Historikern, ja selbst den europäischen Nationen als Bezugspunkt gedient, so daß sie in der Ewigen Stadt eigene Kulturinstitute errichtet haben, um die Forschungen in einem so alten und reichhaltigen »scrinium« [Schrein] der Kirche von Rom zu fördern. Heute zieht man das Geheimarchiv nicht nur bei gelehrten Forschungen zu Rate, die durchaus wertvoll, ehrenvoll und fernen Zeiten gewidmet sind, sondern auch aus Interesse für Epochen und Zeiten, die uns näher und auch sehr nahe sind. Das beweisen die ersten Früchte, welche die jüngste von mir im Juni 2006 beschlossene Öffnung der Akten des Pontifikats von Papst Pius XI. bis heute für die Forscher erbracht hat. Forschungen, Studien und Veröffentlichungen können manchmal neben einem rein geschichtlichen Interesse auch gewisse Polemiken hervorrufen. In dieser Hinsicht kann ich nicht umhin, die Haltung des selbstlosen und unvoreingenommenen Dienstes zu loben, die das Vatikanische Geheimarchiv eingenommen hat, indem es sich von sterilen und oft schwachen parteiischen Sichtweisen der Geschichte ferngehalten und den Forschern ohne Hindernisse oder Vorbehalte das dokumentarische Material angeboten hat, das, mit Ernsthaftigkeit und Kompetenz geordnet, in seinem Besitz ist.
Das Geheimarchiv und die Apostolische Bibliothek erhalten von vielen Seiten Zeichen der Würdigung und Hochschätzung von Kulturinstituten und privaten Gelehrten aus verschiedenen Nationen. Mir scheint, daß dies die beste Anerkennung ist, die sich die beiden Institutionen wünschen können. Und ich möchte beiden, ihren Leitern und dem gesamten Personal aller Stufen meinen aufrichtigen Dank und meine Verbundenheit aussprechen. Ich gestehe, daß ich mir bei der Vollendung des 70. Lebensjahres sehr gewünscht habe, der geliebte Papst Johannes Paul II. würde mir erlauben, daß ich mich dem Studium und der Erforschung interessanter Dokumente und Fundstücke widmen kann, die von euch sorgfältig gehütet werden; wahre Meisterwerke, die uns helfen, die Geschichte der Menschheit und des Christentums zu überschauen. Der Herr hatte in seinem providentiellen Ratschluß ein anderes Programm für meine Person vorgesehen, und da bin ich nun heute unter euch, nicht als leidenschaftlicher Forscher von alten Texten, sondern als Hirte, berufen, alle Gläubigen zu ermutigen, am Heil der Welt mitzuwirken, indem wir den Willen Gottes dort erfüllen, wo er uns zu arbeiten berufen hat.
Für euch, liebe Freunde, gilt es, im Kontakt mit den reichen Zeugnissen der Kultur, der Wissenschaft und der Spiritualität eure christliche Berufung zu verwirklichen, indem ihr eure Tage und schließlich einen guten Teil eures Lebens mit Studien und Veröffentlichungen, im Dienst an der Öffentlichkeit und insbesondere an den Organen der Römischen Kurie verbringt. Bei dieser vielseitigen Tätigkeit nutzt ihr die modernsten Techniken im Bereich Informatik, der Katalogisierung, der Restaurierung, der Fotografie und überhaupt bei allem, was den Schutz und die Verwendung des überaus reichen Erbes betrifft, das ihr aufbewahrt. Ich spreche euch für euren Einsatz mein Lob aus und ermutige euch, eure Arbeit immer als eine wahre Sendung zu verstehen, die mit Hingabe und Geduld, Freundlichkeit und Glaubensgeist auszuüben ist. Sorgt dafür, daß immer ein gastfreundliches Bild des Apostolischen Stuhls abgegeben wird in dem Bewußtsein, daß die Botschaft des Evangeliums auch über euer treues christliches Zeugnis vermittelt wird.
Zu meiner Freude gebe ich am Ende die Ernennung von Herrn Kardinal Jean-Louis Tauran zum Präsidenten des Päpstlichen Rates für den interreligiösen Dialog bekannt. Zum Archivar und Bibliothekar der Heiligen Römischen Kirche an seiner Stelle habe ich Msgr. Raffaele Farina ernannt und ihm zugleich die Erzbischofswürde verliehen. Für die Aufgabe des Präfekten der Vatikanischen Apostolischen Bibliothek habe ich Msgr. Cesare Pasini, bisher Präfekt der altehrwürdigen Ambrosianischen Bibliothek, berufen. Jedem von ihnen entbiete ich schon jetzt meine besten Wünsche für einen fruchtbaren Verlauf der neuen Aufgaben.
Ich danke euch allen nochmals für den wertvollen Dienst, den ihr in der Apostolischen Bibliothek und im Vatikanischen Archiv leistet. Ich versichere euch meines Gedenkens im Gebet und erteile jedem einzelnen von Herzen und mit besonderer Zuneigung meinen Segen, in den ich gern eure Familien und eure Lieben einschließe.
Freitag, 29. Juni 2007
Liebe Brüder in Christus!
Mit großer Freude und aufrichtiger Hochachtung empfange ich euch und grüße euch mit den Worten, die der hl. Paulus an die Christen in Ephesus richtet: »Friede sei mit den Brüdern, Liebe und Glaube von Gott, dem Vater, und Jesus Christus, dem Herrn« (Ep 6,23). Es ist ein Gruß des Friedens, der Nächstenliebe und des Glaubens. Willkommen unter uns, liebe Brüder, anläßlich des Festes der Schutzpatrone dieser unserer Stadt, der hll. Petrus und Paulus! Durch ihr Martyrium haben sie den Glauben an Christus, den Erlöser, und die Liebe zu Gott, dem Vater, bezeugt. Dank eurer geschätzten Anwesenheit und durch die Bedeutung, die ihr zukommt, wird unser Fest noch freudiger, weil es schön ist, gemeinsam Gott die Ehre zu erweisen, der uns mit seiner Gnade erfüllt.
Die Erinnerung an den herzlichen Empfang im Phanar, der mir anläßlich des Festes des hl. Andreas im Rahmen meiner Apostolischen Reise in die Türkei im vergangenen November bereitet wurde, ist in meinen Gedanken und in meinem Herzen noch sehr lebendig und noch viel mehr ist es das unvergeßliche Treffen mit Seiner Heiligkeit Patriarch Bartholomaios I., mit dem Heiligen Synod und den Gläubigen. All dies erfüllt mich noch immer mit tiefer Bewegung und Dankbarkeit. Der Friedensgruß, den wir während der Göttlichen Liturgie ausgetauscht haben, bleibt ein Siegel und eine Verpflichtung für unser Leben als Hirten der Kirche, weil wir alle überzeugt sind, daß die gegenseitige Liebe die notwendige Voraussetzung ist, um zu jener vollen Einheit im Glauben und im kirchlichen Leben zu gelangen, zu der wir voller Vertrauen auf dem Weg sind. Darauf zielen in Wahrheit unsere gemeinsamen Initiativen ab: nämlich die Gefühle und die Beziehungen der Nächstenliebe zwischen unseren Kirchen und zwischen den einzelnen Gläubigen zu intensivieren, so daß wir jene Vorurteile und Mißverständnisse überwinden, die aus der jahrhundertelangen Trennung hervorgehen, um in der Wahrheit, aber in brüderlichem Geiste den Schwierigkeiten entgegenzutreten, die uns noch immer daran hindern, zum selben eucharistischen Tisch zu treten. In diesem Zusammenhang spielt das Gebet eine unerläßliche Rolle, weil nur der Herr unsere Schritte lenken und führen kann. Die Einheit ist vor allem ein Geschenk Gottes, das wir im gemeinsamen Gebet erflehen und in demütigem Gehorsam empfangen können, im Wissen um die Opfer, die der Weg der Annäherung an die Einheit mit sich bringt.
Daß es derzeit nicht möglich ist, gemeinsam die eine Eucharistie des Herrn zu feiern, ist ein Zeichen für die noch nicht voll wiederhergestellte Einheit: Wir wollen versuchen, diese Situation mit Entschlossenheit und Redlichkeit zu überwinden. Wir sind daher froh, daß der theologische Dialog mit neuem Geist und neuer Kraft seinen Weg wiederaufgenommen hat. Im kommenden Herbst wird sich die zuständige Gemischte Internationale Kommission treffen, um die Studien über eine zentrale und entscheidende Frage fortzuführen, nämlich über die ekklesiologischen und kanonischen Konsequenzen der sakramentalen Struktur der Kirche, im besonderen im Hinblick auf die Kollegialität und die Autorität innerhalb der Kirche. Wir alle wollen diese Arbeiten mit unserem ausdauerndem Gebet begleiten. Möge der Herr die katholischen und orthodoxen Mitglieder erleuchten, damit sie, auf der Grundlage der Heiligen Schrift und der Tradition der Kirche, Lösungsvorschläge finden, die dazu geeignet sind, wichtige Schritte in Richtung auf eine volle Gemeinschaft hin zu tun. Ich bin sehr froh, zu wissen, daß das Ökumenische Patriarchat und Patriarch Bartholomaios I. selbst mit ähnlichen Empfindungen die Aktivitäten dieser Kommission verfolgen.
Die Suche nach der vollen Einheit kann sich nicht auf die brüderlichen Beziehungen zwischen den Hirten und ebensowenig auf die sehr anspruchsvolle Arbeit der Gemischten Kommission für den theologischen Dialog beschränken; die Erfahrungen der Geschichte und der aktuellen Situation lehren uns, daß in verschiedenen Formen eine Einbeziehung des gesamten Leibes unserer Kirchen notwendig ist. Auf diesem geistlichen Weg spielen die theologischen Fakultäten und die Forschungs- und Lehrinstitute eine bevorzugte Rolle. Dies hatte bereits das Dekret über den Ökumenismus des Zweiten Vatikanischen Konzils gezeigt, als es mit Klarheit unterstrich: »Die Unterweisung in der heiligen Theologie und in anderen, besonders den historischen Fächern muß auch unter ökumenischem Gesichtspunkt geschehen, damit sie um so genauer der Wahrheit und Wirklichkeit entspricht«. Und das Konzilsdokument hat daraus folgenden Schluß gezogen: »Denn es liegt viel daran, daß die zukünftigen Hirten und Priester über eine Theologie verfügen, die ganz in diesem Sinne […] erarbeitet wurde« (Unitatis redintegratio UR 10). Wie wichtig sind die persönlichen und kulturellen Kontakte zwischen den jungen Studenten gerade in dieser Hinsicht! Ihr Austausch während der Spezialisierung nach der Universität ist ein fruchtbares Feld, wie uns die Erfahrungen des Katholischen Komitees für die Kulturelle Zusammenarbeit zeigen. Es sollte dann auch die katechistische Ausbildung der neuen Generationen unterstützt werden, damit sie ein volles Bewußtsein der eigenen kirchlichen Identität und der bestehenden Bande der Gemeinschaft mit den anderen Brüdern in Christus haben, ohne die Probleme und Hindernisse zu vergessen, die immer noch eine volle Gemeinschaft zwischen uns verhindern.
Liebe Brüder in Christus, eure Anwesenheit unter uns anläßlich des Festes der hll. Petrus uns Paulus bezeugt den Wunsch dieser gemeinsamen Suche. Ein Wunsch, der auch durch andere Treffen und Veranstaltungen, die von Katholiken und Orthodoxen auf lokaler Ebene veranstaltet wurden, zutage getreten ist. Außerdem fällt euer Besuch in diesem Jahr mit der von mir gemachten Ankündigung des »Paulus-Jahres« zusammen, einer wichtigen Initiative der katholischen Kirche. Es ist ein Jubiläumsjahr, das der Erinnerung an den hl. Paulus zur Zweitausendjahrfeier seiner Geburt gewidmet ist. Auch dies, dessen bin ich sicher, wird eine überaus günstige Gelegenheit sein, um Momente des Gebets, Studientreffen und Gesten der Brüderlichkeit zwischen Katholiken und Orthodoxen anzuregen. Möge der hl. Paulus, dieser große Künder des Evangeliums und unermüdlicher Baumeister der Einheit, uns helfen, der Stimme des Geistes zu folgen und die missionarische Glut zu erhalten, die seine gesamte Existenz entflammte. Mit diesen Empfindungen danke ich erneut einem jeden von euch für den Besuch und, während ich meinen Ausdruck der Zuneigung und der Wertschätzung an Seine Heiligkeit Bartholomaios I. erneuere, wünsche ich mir, daß wir gemeinsam jede nur mögliche Mühe intensivieren, die uns auf dem Weg zur vollen Gemeinschaft einander näherbringt. Hierzu erbitte ich für unsere Kirchen den reichen Segen Unseres Herrn Jesus Christus.
Samstag, 30. Juni 2007
Liebe Mitbrüder im Bischofsamt!
1. Mit großer Freude empfange ich euch, die Hirten der Kirche Gottes, die sich in Puerto Rico auf dem irdischen Pilgerweg befindet. Ihr seid zum »Ad-limina«-Besuch nach Rom gekommen, um die engen Bande zu festigen, die euch mit dem Apostolischen Stuhl verbinden. Durch jeden einzelnen von euch richte ich meinen herzlichen Gruß an die Priester, die Ordensgemeinschaften und die Laien eurer jeweiligen Teilkirchen und bringe ihnen meine Zuneigung und meine Wertschätzung zum Ausdruck.
Ich danke für die freundlichen Worte, die der Erzbischof von San Juan de Puerto Rico und Vorsitzende der Bischofskonferenz, Roberto Octavio González Nieves, im Namen aller an mich gerichtet hat. In ihnen hat er die Sorgen und Hoffnungen eures Hirtendienstes zum Ausdruck gebracht, der darauf ausgerichtet ist, das Gottesvolk auf dem Weg des Heiles zu leiten und mit Nachdruck den katholischen Glauben zu verkündigen, damit die Gläubigen besser ausgebildet werden.
2. Aus den Fünfjahresberichten geht die Sorge um die Herausforderungen und Schwierigkeiten, denen ihr in diesem Augenblick der Geschichte gegenübersteht, deutlich hervor. Tatsächlich hat sich im sozialen, wirtschaftlichen und auch im religiösen Bereich in den letzten Jahren vieles gewandelt. Das hat manchmal zu einer religiösen Gleichgültigkeit und zu einem gewissen moralischen Relativismus geführt, die die christliche Praxis beeinflussen und sich indirekt auch auf das Gesellschaftsgefüge auswirken. Diese religiöse Situation ist eine Herausforderung für euch als Hirten. Sie verlangt eure Einheit, um die Gegenwart des Herrn bei den Menschen spürbarer zu machen durch gemeinsame pastorale Initiativen, die den neuen Realitäten besser entsprechen.
Es ist grundlegend, das Geschenk der Einheit, um das Jesus den Vater für seine Jünger gebeten hat (vgl. Jn 17,11), zu wahren und wachsen zu lassen. In eurer eigenen Diözese seid ihr berufen, die Einheit zu leben und zu bezeugen, die Christus für seine Kirche gewollt hat. Andererseits tragen eventuelle Unterschiede in den örtlichen Sitten und Gebräuchen – weit davon entfernt, eine Bedrohung für diese Einheit darzustellen – dazu bei, die Kirche aus dem gemeinsamen Glauben heraus zu bereichern. Und ihr als Nachfolger der Apostel sollt euch bemühen, »die Einheit des Geistes zu wahren durch den Frieden« (Ep 4,3). Daher möchte ich daran erinnern, daß ihr alle, besonders die Bischöfe und Priester, zu einer unverzichtbaren Sendung berufen seid, die euch zutiefst verpflichtet: dafür zu sorgen, daß die Kirche ein Ort sei, an dem das Geheimnis der göttlichen Liebe gelehrt und gelebt wird. Das wird nur dann möglich sein, wenn man von einer echten Spiritualität der Gemeinschaft ausgeht, die in der Zusammenarbeit und im brüderlichen Leben sichtbar wird.
3. Eure vorrangige Aufmerksamkeit als Hirten muß den Priestern gelten. Sie stehen an den Vorposten der Evangelisierung und brauchen auf besondere Weise eure Fürsorge und pastorale Nähe. Eure Beziehung zu ihnen – als wahre Söhne, Freunde und Brüder – darf nicht nur institutioneller Art sein, sondern sie muß vor allem von der Liebe beseelt sein (vgl. 1P 4,8). Sie soll die Vaterschaft des Bischofs zum Ausdruck bringen, die besonders den kranken und betagten Priestern gezeigt werden muß, sowie denen, die sich in schwierigen Situationen befinden.
Die Priester ihrerseits müssen daran denken, daß sie vor allem Männer Gottes sind und daher für ihr geistliches Leben und ihre ständige Weiterbildung Sorge tragen müssen. Ihr ganzer Dienst, all ihre Arbeit »muß in der Tat mit dem Gebet beginnen«, wie der hl. Albertus Magnus sagt (Kommentar zur mystischen Theologie, 15). Jeder Priester wird in dieser Begegnung mit Gott die Kraft finden, seinen Dienst mit mehr Einsatz und Hingabe zu leben und ein Vorbild der Verfügbarkeit und der Loslösung von überflüssigen Dingen zu sein.
4. Was zukünftige Priesteramtskandidaten und Kandidaten für das geweihte Leben betrifft, so muß hervorgehoben werden, wie wichtig es ist, den Herrn der Ernte ohne Unterlaß zu bitten (vgl. Mt Mt 9,38), der Kirche in Puerto Rico viele und heilige Berufungen zu schenken. Das gilt besonders in der gegenwärtigen Situation, in der die jungen Menschen oftmals Schwierigkeiten haben, dem Ruf des Herrn zum priesterlichen oder zum geweihten Leben zu folgen. Daher muß eine besondere Berufungspastoral verstärkt werden, die die Verantwortlichen für die Jugendseelsorge anspornt, mutige Mittler für den Ruf des Herrn zu sein. Vor allem darf man keine Angst haben, es den jungen Menschen vorzuschlagen, und muß sie dann im menschlichen sowie im geistlichen Bereich ständig begleiten, damit sie die Art ihrer Berufung erkennen können.
Bezüglich der Ausbildung der Priesteramtskandidaten muß der Bischof höchste Sorgfalt darauf verwenden, die für diese Sendung am meisten geeigneten und am besten vorbereiteten Ausbilder zu wählen. Unter Berücksichtigung der konkreten Situation und der Zahl der Berufungen in Puerto Rico könnte man – in gemeinsamer Übereinkunft und im Geiste der Einheit bei der pastoralen Planung – in Erwägung ziehen, die Kräfte und Ressourcen zu vereinigen, mit dem Ziel, bessere und überzeugendere Resultate zu erzielen. Das würde eine vorteilhaftere Auswahl der Ausbilder und Professoren ermöglichen, die jedem Seminaristen helfen sollen, als »reife und ausgeglichene Persönlichkeiten« zu wachsen, die »im geistlichen Leben gefestigt sind und die die Kirche lieben« (Pastores gregis, 48). Bei dieser heiklen Arbeit müssen sich alle Priester mitverantwortlich fühlen und neue Berufungen fördern, vor allem durch das eigene Vorbild und durch die ständige Begleitung derer, die aus ihrer eigenen Pfarrgemeinde oder aus einer Bewegung hervorgegangen sind.
5. Im gesellschaftlichen Bereich breitet sich eine Mentalität aus, die an einem Laizismus orientiert ist, der nach und nach mehr oder weniger bewußt zur Verachtung oder zur Unkenntnis des Heiligen führt, wobei der Glaube in den rein privaten Bereich zurückgedrängt wird. Eine korrekte Auffassung der Religionsfreiheit ist in diesem Sinne nicht mit dieser Ideologie vereinbar, die sich manchmal als die einzige Stimme der Vernunft ausgibt.
Eine ständige Herausforderung für euch ist auch die Familie, die von vielen Verlockungen der modernen Welt umgeben ist – wie dem vorherrschenden Materialismus, der Suche nach momentanem Genuß sowie dem Mangel an Stabilität und Treue unter den Ehepaaren, die einer ständigen Beeinflussung durch die Medien ausgesetzt sind. Wenn die Ehe nicht auf dem Fels der wahren Liebe und der gegenseitigen Hingabe aufgebaut ist, dann wird sie leicht zum Opfer der Scheidungsmentalität, wobei auch der Wert des Lebens, vor allem des Lebens der Ungeborenen, außer acht gelassen wird. Dieses Panaroma zeigt die Notwendigkeit auf, eine wirksame Familienseelsorge zu verstärken – wie ihr es bereits tut –, die den christlichen Eheleuten hilft, die Grundwerte des Sakraments, das sie empfangen haben, anzunehmen. Daher sollt ihr durch euer Lehramt und mit Treue zur Lehre Christi gegenüber gewissen Tendenzen in der heutigen Gesellschaft, die den einzigartigen und unersetzlichen Wert der Ehe zwischen Mann und Frau verdunkeln oder undeutlich machen wollen, die Wahrheit der Familie als Hauskirche und Heiligtum des Lebens verkünden.
6. Die bereits erwähnte religiöse Gleichgültigkeit, die Versuchung einer leichtfertigen moralischen Permissivität sowie die Unkenntnis der christlichen Tradition mit ihrem reichen geistlichen Erbe beeinflussen die jungen Generationen sehr stark. Die Kinder und Jugendlichen haben ein Recht darauf, vom Anbeginn ihrer Unterweisung an im Glauben und zu einem gesunden Lebenswandel erzogen zu werden. Daher kann die ganzheitliche Erziehung der Kinder auch nicht vom Religionsunterricht an den Schulen absehen. Eine solide religiöse Bildung ist darüber hinaus auch ein wirksamer Schutz angesichts des Vormarsches der Sekten oder anderer religiöser Gruppierungen, die gegenwärtig weit verbreitet sind.
7. Die katholischen Gläubigen, die berufen sind, für die zeitlichen Dinge Sorge zu tragen, um sie dem göttlichen Willen gemäß zu ordnen, müssen wertvolle Zeugen ihres Glaubens in den verschiedenen Bereichen des öffentlichen Lebens sein. Ihre Teilnahme am kirchlichen Leben ist darüber hinaus grundlegend, und manchmal würde ohne ihre Mitarbeit euer Apostolat als Hirten nicht »alle Menschen aller Zeiten und überall auf der Erde« erreichen (Lumen gentium LG 33).
In diesem Zusammenhang möchte ich einige wichtige Worte in Erinnerung rufen, die mein Vorgänger Johannes Paul II. auf seiner Pastoralreise nach Puerto Rico ausgesprochen hat: »Wenn ihr bei der Ausübung eures Dienstes Fragen gegenübersteht, die konkrete Optionen mit politischem Charakter betreffen, dann unterlaßt es nicht, die moralischen Grundsätze zu verkünden, die die Grundlage jeder menschlichen Aktivität darstellen. Überlaßt jedoch den Laien mit gut ausgebildetem moralischen Gewissen die Ordnung der zeitlichen Dinge gemäß dem Plan Gottes. Ihr sollt Schöpfer der Gemeinschaft und der Brüderlichkeit sein, niemals der Trennung im Namen von Optionen, die das gläubige Volk rechtmäßig in seinen verschiedenen Formen wählen kann« (Ansprache an den Klerus im Sportpalast der Universität von Puerto Rico, 12.10.1984, 3).
8. Einige Teile eurer Gesellschaft leben im Überfluß, während andere großen Mangel leiden, der nicht selten in Armut übergeht. In diesem Zusammenhang ist die Großherzigkeit der Puertoricaner bekannt, die auf Hilfsappelle bei gewissen schweren Tragödien in der Welt solidarisch antworten. Es ist zu hoffen, daß dieselbe Großherzigkeit, koordiniert durch die Dienste der »Caritas« von Puerto Rico, auch angesichts jener Situationen wachsen möge, in denen Menschengruppen, Personen oder Familien vor Ort wirkliche Hilfe benötigen.
9. Liebe Brüder, die Evangelisierung und die Glaubenspraxis in Puerto Rico waren stets mit einer kindlichen Liebe zur Jungfrau Maria verbunden. Das bezeugen die Kirchen, Heiligtümer und Monumente ebenso wie die Frömmigkeitspraktiken und die volkstümlichen Feste zu Ehren der Mutter Gottes. Ihr vertraue ich eure pastoralen Pläne und Arbeiten an. Unter ihren mütterlichen Schutz stelle ich alle Priester und Ordensgemeinschaften, ebenso wie die Familien, die jungen Menschen, die Kranken und besonders die Notleidenden. Bringt allen den Gruß und die tiefe Zuneigung des Papstes, verbunden mit dem Apostolischen Segen.
Audienzenhalle
Samstag, 30. Juni 2007
Liebe Brüder und Schwestern!
Ich freue mich, euch alle zu empfangen, die Familienangehörigen und Freunde der Metropolitan- Erzbischöfe, denen ich gestern in der Petersbasilika im Rahmen einer festlichen Eucharistiefeier, in der wir der Apostel Petrus und Paulus gedacht haben, das Pallium überreichen konnte. Unsere Begegnung soll gewissermaßen die Atmosphäre tiefer kirchlicher Gemeinschaft fortsetzen, die wir gestern erlebt haben. Die unterschiedliche Herkunft der Metropolitan- Erzbischöfe bringt in der Tat sehr gut die Universalität der Kirche zum Ausdruck, deren Gläubige überall auf der Welt in verschiedenen Sprachen das Evangelium verkünden und den einen und unveränderten Glauben der Apostel bekennen. Ich begrüße sehr herzlich jeden von euch, verehrte und geschätzte Brüder Metropoliten, und mit euch begrüße ich die Gläubigen, die euch auf der Pilgerfahrt zu den Gräbern der Apostel begleitet haben. Einen herzlichen Gruß sende ich auch an die Diözesangemeinschaften, aus denen ihr kommt.
Ich wende mich zunächst an euch, liebe Hirten der Kirche in Italien! Ich begrüße Erzbischof Angelo Bagnasco, den ich dazu berufen habe, Kardinal Tarcisio Bertone, meinem Staatssekretär, im Amt des Erzbischofs von Genua nachzufolgen und der Italienischen Bischofskonferenz vorzustehen. Ich begrüße den Erzbischof von Messina-Lipari-Santa Lucia del Mela, Calogero La Piana, sowie den Erzbischof von Palermo, Paolo Romeo. Jesus, der gute Hirt, möge euch in eurem bischöflichen Dienst helfen, die eurer Seelsorge anvertrauten Diözesangemeinschaften in Liebe aufzubauen und sie dabei zu unterstützen, stets lebendige Kirchen zu sein, reich an dynamischem Glauben und an missionarischem Geist.
Nach diesen Worten in italienischer Sprache fuhr der Papst auf französisch fort: Mit Freude begrüße ich die Pilger, die aus Frankreich, Afrika und Kanada gekommen sind, um die neuen Metropolitan-Erzbischöfe zu begleiten, denen ich das Pallium überreichen konnte, Zeichen einer tiefen Gemeinschaft mit dem Heiligen Stuhl. Mein besonderer Gruß geht an den Erzbischof von Toulouse (Frankreich), Robert Le Gall, den Erzbischof von Gagnoa (Elfenbeinküste), Barthélémy Djabla, den Erzbischof von Bouaké (Elfenbeinküste), Paul-Siméon Ahouanan Djro, den Erzbischof von Bujumbura (Burundi), Évariste Ngoyagoye, den Erzbischof von Grouard-McLennan (Kanada), Gerard Pettipas, sowie an den Erzbischof von Rennes (Frankreich), Pierre d’Ornellas. Überbringt meinen Gruß den Hirten und allen Gläubigen in euren Ländern und sichert ihnen das Gebet des Papstes zu. Mögen die Kreuze, welche die Metropolitan- Erzbischöfe auf ihrem Pallium tragen, die Gläubigen der verschiedenen christlichen Gemeinschaften daran erinnern, daß sie mit dem Wort und mit ihrem ganzen Leben Zeugnis geben sollen vom auferstandenen Christus, in immer größerer Treue zur Kirche, so daß alle Katholiken, wo auch immer sie leben, zu Missionaren des Evangeliums werden.
Dann sagte der Heilige Vater auf englisch: Einen herzlichen Gruß richte ich an die englischsprachigen Metropolitan-Erzbischöfe, denen ich gestern das Pallium überreicht habe: an den Erzbischof von Imphal (Indien), Dominic Lumon; den Erzbischof von Mount Hagen (Papua-Neuguinea), Douglas Young; den Erzbischof von Kampala (Uganda), Cyprian Kizito Lwanga; den Erzbischof von Bombay (Indien), Oswald Gracias; den Erzbischof von Zamboanga (Philippinen), Romulo Geolina Valles; den Erzbischof von Goa und Damão (Indien), Filipe Neri António Sebastião do Rosário Ferrão; den Erzbischof von Tabora (Tansania), Paul R. Ruzoka; den Erzbischof von Toronto (Kanada), Thomas Christopher Collins; den Erzbischof von Agra (Indien), Albert D’Souza; den Erzbischof von Edmonton (Kanada), Richard William Smith; den Erzbischof von Ottawa (Kanada), Terrence Thomas Prendergast; den Erzbischof von Kingston (Kanada), Brendan Michael O’Brien; den Erzbischof von Johannesburg (Südafrika), Buti Joseph Tlhagale; den Erzbischof von Louisville (USA), Joseph Edward Kurtz, und den Erzbischof von Bhopal (Indien), Leo Cornelio. Ich begrüße auch ihre Familienangehörigen, Verwandten und Freunde sowie die Gläubigen aus ihren jeweiligen Erzdiözesen, die aus diesem freudigen Anlaß mit ihnen nach Rom gekommen sind.
Das Pallium wird von den Erzbischöfen getragen als äußeres Zeichen ihrer hierarchischen Gemeinschaft mit dem Nachfolger Petri in der Leitung des Gottesvolkes. Es symbolisiert auch die Last des Bischofsamtes und ruft die Verpflichtung der Gläubigen ins Bewußtsein, die Hirten der Kirche mit ihrem Gebet zu unterstützen und großherzig an der Weitergabe des Evangeliums und am Wachstum der Kirche Christi in Wahrheit, Einheit und Heiligkeit mitzuarbeiten.
Meine lieben Freunde, möge eure Pilgerfahrt zu den Gräbern der Apostel Petrus und Paulus euch festigen im katholischen Glauben, der von den Aposteln überliefert ist. Euch allen erteile ich von Herzen meinen Apostolischen Segen als Unterpfand der Freude und des Friedens im Herrn.
Papst Benedikt XVI. fuhr anschließend auf spanisch fort: Ich begrüße von Herzen die Erzbischöfe spanischer Sprache und diejenigen, die sie zur feierlichen Zeremonie der Überreichung des Palliums begleitet haben: die Erzbischöfe von Piura, José Antonio Eguren Anselmi; von Arequipa, Javier Augusto del Rio Alba; von Tijuana, Rafael Romo Muñoz; von León, José Guadalupe Martín Rábago; von Tulancingo, Pedro Aranda Díaz- Muñoz; von Tuxtla Gutiérrez, Rogelio Cabrera López; von Concepción, Ricardo Ezzati Andrello; von Santa Fe de Antioquia, Orlando Antonio Corrales García; von Santiago de Cuba, Dionisio Guillermo García Ibáñez; von Valencia in Venezuela, Reinaldo Del Prette Lissot; von Jalapa, Hipólito Reyes Larios, und von Los Altos, Quetzaltenango- Totonicapán, Óscar Julio Vian Morales.
Mögen die neuen Metropolitan-Erzbischöfe durch den Empfang dieser bischöflichen Insignie die Pflicht verspüren, feste Bande der Gemeinschaft mit dem Nachfolger Petri und innerhalb ihrer Suffragandiözesen zu pflegen, damit die Gestalt Christi in hellem Licht erstrahlen möge. Euch, die Gläubigen und Freunde, die ihr sie begleitet, bitte ich, ihnen auch weiterhin zur Seite zu stehen durch das Gebet und die großherzige und treue Mitarbeit, damit sie in ihrer Sendung stets den Willen Gottes erfüllen. Ich bitte die Jungfrau Maria, die in Lateinamerika so tief geliebt und verehrt wird, daß sie diese Erzbischöfe auch weiterhin in ihrem Hirtendienst beschützen und ebenso den Priestern, Ordensgemeinschaften und Gläubigen ihrer Erzdiözesen ihre mütterliche Liebe zeigen möge. Allen gilt mein herzlicher Gruß zusammen mit dem Apostolischen Segen.
Auf portugiesisch sagte der Papst: Heute freut sich die Kirche in Brasilien, denn aus Anlaß der feierlichen Übergabe des Palliums ist dieser Tag ein Festtag für die erzbischöflichen Sitze und die Erzbischöfe von Maceió, Antônio Muniz Fernandes; von Montes Claros, José Alberto Moura; von São Paulo, Odilo Pedro Scherer; von Diamantina, João Bosco Oliver de Faria, und von Mariana, Geraldo Lyrio Rocha. Daher möchte ich von Herzen eure Teilkirchen und die euch begleitenden Priester, Ordensleute und Familienangehörigen grüßen – mit dem Wunsch, daß diese bedeutsame Feier dazu beitragen möge, die Einheit und die Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhl zu festigen, indem sie euch anspornt, euch großherzig dem Wachstum der Kirche und dem Seelenheil zu widmen.
Benedikt XVI. fuhr dann auf polnisch fort: Ich begrüße sehr herzlich alle hier versammelten Polen. Mein Gruß geht an die neuen Metropolitan- Erzbischöfe von Warschau und von Bialystok, Kazimierz Nycz und Edward Ozorowski, die das Pallium empfangen haben. Ich begrüße ihre Angehörigen und alle Gläubigen aus ihren Erzdiözesen. Das Pallium ist Zeichen der Gemeinschaft der Hirten mit dem Bischof von Rom und mit dem gesamten Bischofskollegium. Mögen auch eure Ortskirchen von dieser Gemeinschaft durchdrungen sein. Betet für eure Hirten und für ihren Dienst.
Es folgte ein Gruß des Heiligen Vaters auf ungarisch: Einen herzlichen Gruß richte ich an Erzbischof Csaba Ternyák, der nach zehn Jahren im direkten Dienst am Heiligen Stuhl zum Hirten der altehrwürdigen Erzdiözese Eger in Ungarn berufen worden ist. Das Pallium ist Zeichen der besonderen Verbindung, die zwischen jedem Metropoliten und dem Nachfolger Petri besteht. Dem neuen Metropoliten und all denen, die ihn begleiten, erteile ich von Herzen meinen Segen. Gelobt sei Jesus Christus!
Abschließend sagte der Papst wieder auf italienisch: Liebe Brüder und Schwestern, das Hochfest Peter und Paul mit seinen eindrucksvollen Feiern hilft uns, unsere kirchliche Gemeinschaft zu vertiefen. Bitten wir den Herrn, daß er die Einheit zwischen uns Hirten sowie mit den Priestern, Ordensleuten und dem ganzen christlichen Volk immer mehr festigen möge. Er lasse uns ein Herz und eine Seele werden (vgl. Apg Ac 4,32)! Die himmlische Mutter Gottes und die Apostel Petrus und Paulus mögen diese Gabe für uns erwirken. Ihrem Schutz vertraue ich euch, die euch begleitenden Gläubigen und eure Diözesangemeinschaften an. Mit diesen Empfindungen erteile ich euch von Herzen meinen Segen.
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