„Ihn sollt ihr hören!“

Vor dem Angelus am 17. Juli 1983 in Castel Gandolfo

 

1. „Was er euch sagt, das tut.“ 1) Mit diesen Worten weist die Mutter Jesu, die an einer Hochzeit in Kana in Galiläa teilnahm2), die Diener beim Hochzeitsmahl an zu tun, was ihnen Jesus geboten hatte.

Die Spiritualität des Alten Testaments kann uns auf den Weg bringen, den fernen Ursprung dieser Aufforderung Mariens zu finden.

Am Berg Sinai hatte der Herr in der Tat durch Mose das Volk Israel aufgefordert, mit ihm den Bund zu schließen3). Als Antwort auf die göttliche Einladung rief das ganze Volk einmütig: „Alles, was der Herr gesagt hat, wollen wir tun.“4)

Man kann sagen, daß jede Generation des auserwählten Volkes jene spontane Gehorsamsbezeigung aufs neue in Erinnerung gerufen hat, jene Erklärung, die an dem Tag, als sie sich am Fuß des Sinai versammelt hatten5), abgegeben wurde. Durch sein Gedenken daran wollte Israel die Frische „seiner ersten Liebe“ zurückgewinnen6). Tatsächlich wurde der Inhalt dieser Erklärung jedesmal gewissenhaft wiederholt, wenn im Laufe der Geschichte des Alten Testaments das Volk unter der Leitung seiner Führer die Verpflichtungen des Bundes vom Sinai erneuerte7).

 

2. Die Worte — schrieb mein ehrwürdiger Vorgänger Paul VI. im Apostolischen Schreiben Marialis cultus 8) —‚ die die Jungfrau bei der Hochzeit zu Kana an die Diener richtete, „wollen scheinbar nur den Wunsch ausdrükken, das Hochzeitsmahl vor einem Mißgeschick zu bewahren; wenn man jedoch die besondere Eigenart des vierten Evangeliums beachtet, erinnern sie offensichtlich an die Formel, die das Volk Israel beim Bundesschluß am Sinai gebrauchte9) oder bei der Erneuerung der Bundestreue10). Sie stimmen auch wunderbar zusammen mit der Stimme des Vaters bei der Theophanie auf dem Berg Tabor: ‚Ihn sollt ihr hören!“11). Die Diener der Hochzeit, liebe Bruder und Schwestern, das sind heute wir. Was sie in Kana gesagt hat, wiederholt Maria unaufhörlich für uns alle, ihre Söhne und Töchter. Man könnte jene Weisung ihr geistliches Testament nennen. Es ist in der Tat das letzte Wort, das uns die Evangelisten von ihr, der heiligen Mutter, überliefert haben. Nehmen wir es auf und bewahren es im Herzen!

Meine Gedanken gehen heute erneut in den Nahen Osten und besonders in den Libanon, wo die Feindseligkeiten bewaffneter Gruppen und die Besetzung weiter Teile des Landes durch fremde Truppen ohne Unterlaß Kämpfe, Zerstörungen und Opfer hervorrufen und den ersehnten Tag des Friedens in aussichtslose Ferne rücken.

Wachsender Widerstand und zunehmende Schwierigkeiten scheinen die bisher unternommenen Bemühungen zunichte gemacht zu haben. Bemühungen um ein globales Einvernehmen, auf das man mit neuer Hoffnung geblickt hatte.

Die von Enttäuschungen und Leid entmutigte und gefolterte libanesische Bevölkerung appelliert mit mir an die Solidarität und Hilfe der friedliebenden Länder und ruft alle Verantwortlichen auf, ihren guten Willen unter Beweis zu stellen und es den nationalen Kräften des Libanon zu ermöglichen, sich dem Wiederaufbau des Landes zu widmen, eines Landes, daß endlich frei von fremden Einmischungen und in seiner Souveränität und Würde respektiert werden sollte.

Ich fordere euch zu gemeinsamem Gebet an den Herrn auf, damit das libanesische Volk und seine Regierung mit vermehrtem Einsatz beim Bemühen um Versöhnung und nationale Verständigung ausharren und die Nachbarländer und alle interessierten Seiten loyal zusammenarbeiten, um dem Libanon die Freiheit zurückzugeben, selbst über sein Schicksal entscheiden zu können. Die Fürsprache der allerseligsten Jungfrau, der Schutzherrin des Libanon, stehe ihnen bei.

 

Nach dem Angelus begrüßte der Papst u. a. auch die deutschsprachigen Pilger:

 

„Alles, was der Herr gesagt hat, wollen wir tun!“ So sprach das Volk Israel am Sinai und dann immer wieder neu. „Alles, was er euch sagt, das tut“, so spricht Maria auf der Hochzeit zu Kana. Es ist das letzte Wort, das die Evangelisten von ihr berichten, gleichsam ihr Testament Die ganze Geschichte ihres Volkes gibt sie damit an uns weiter Seien wir also wahre Israeliten und sprechen wir nach dem Wort und Beispiel Marias: „Herr, alles, was du mir sagst, das will ich tun.“ Mit diesem Wunsch grüße ich alle deutschsprachigen Besucher, unter ihnen die Pilgergruppe aus Vechta im Bistum Münster.

 

Zuletzt rief der Papst noch einmal zum Gebet für die am 22. Juni entführte l5jährige Emanuela Orlandi auf:

Noch einmal lade ich euch ein, euch mit mir im Gebet für Emanuela Orlandi zu vereinen, über deren Schicksal die vorübergehenden Tage leider keinerlei Klärung gebracht haben.

Mit inniger Anteilnahme weise ich auf das Bangen der Eltern hin. Der erschütternde Schmerz einer Familie, die um nichts anderes bittet, als ihr Kind wieder in die Arme schließen zu können, darf nicht weiter verlängert werden.

Zusammen mit euch bitte ich Gott, daß er in ein Haus, auf dem schon allzu lange eine so schmerzliche Tragödie lastet, wieder Friede und Freude einkehren lasse.

 

 

 

Anmerkungen

(1)        Joh 2, 5.

(2)        Joh 2, 1—12.

(3)        Ex 18, 3—7.

(4)        Ex 19, 8; vgl. 24, 3.7.

(5)        Dtn 4, 10.

(6)        Vgl. Jer2, 2;Hos2, 17b.

(7)        Jos 24, 24; Esr 10, 12; Nehemia 5, 12...

(8)        Marialis cultus, Nr. 57.

(9)        Ex 19, 8; 24, 3.7; Dtn 5, 27.

(10)      Jos 24, 24; Esr 10, 12, Nehemia 5, 12.

(11)      Mt 17, 5.