27.02.2004 – Prof. L. Aldrich – Taipei – Die religiösen Bewegungen und ihr Nährboden im asiatischen Denken

 

In meinem Beitrag versuchen wir die Elemente zu beschreiben, die von der Bewegung „New Age" aus der Religion und dem Denken Asiens übernommen und – manchmal auf verzerrte und vereinfachende Weise – verwendet werden. Vorab ein klärendes Wort zu unserer Thematik: Wenn hier von religiösen Bewegungen die Rede ist, beziehen wir uns auf die verschiedenen religiösen und spirituellen Bewegungen, die mit der Spiritualität des New Age in Verbindung gebracht werden; wir beschränken uns auf das religiöse und spirituelle Denken der chinesischen Kultur, weil das asiatische Denken für diese kurzen Ausführungen zu umfangreich ist.

Nach Auffassung des vatikanischen Dokuments "Jesus Christus, Bringer des Wassers des Lebens: eine christliche Betrachtung zum New Age" ist „New Age oft eine Antwort auf religiöse Fragen und Bedürfnisse, und übt seine Anziehungskraft auf Menschen aus, die in ihrem eigenen Leben eine spirituelle Dimension suchen. (...) Viele von ihnen lehnen die organisierte Religion ab, weil sie der Meinung sind, dass es ihr nicht gelungen ist, ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Aus diesem Grund haben sie sich auf der Suche nach "Spiritualität" anderswohin gewandt". Vielleicht ist die christliche Spiritualität wegen der Säkularisierung der westlichen Gesellschaft und der ständigen und tückischen Angriffe der sozialen Kommunikationsmittel und der Regierungen auf das Christentum für viele Menschen weit entfernt und unerreichbar geworden. New Age bietet eine neue Spiritualität an, die Elemente aus den „okkulten Praktiken des alten Ägypten, der Kabbala, des frühen christlichen Gnostizismus, des Sufismus, (...) des Zen-Buddhismus, des Yoga, usw." vereint.

Die oben erwähnte Verschiebung in der geistlichen Ausrichtung muss im Zusammenhang eines generellen Paradigmenwechsels gesehen werden, der die neue Perspektive der New Age Bewegung charakterisiert. Daraus folgt: New Age sucht nicht einfach neue Wege, um die alten traditionellen Wahrheiten des Christentums, oder sogar der asiatischen Religionen neu zu formulieren, sondern es will eine grundlegende Neuinterpretation der vorhergehenden Weltsicht ausarbeiten. Auch wenn die Spiritualität und die religiöse Praxis des New Age viele Elemente aus den chinesischen Religionen entleiht, integriert sie diese auf ganz andere Weise, als diese es selbst tun. Es ist offensichtlich, dass die großen Religionen und Denksysteme der chinesischen Kultur – Taoismus, Konfuzianismus und Buddhismus – nicht „neu" sind; diese alten Systeme sind mindestes fünfhundert Jahre vor dem Christentum entstanden. Diese lange Erfahrung hat auf natürliche Weise zu einem gewissen Verständnis und zu einer Anpassung an die beharrlichen Wirklichkeiten des natürlichen Sittengesetzes geführt. Der Wert dieser immensen Arbeit und dieses reichhaltigen ethischen Erfahrungsschatzes wird leider in der Spiritualität des New Age nicht anerkannt. Dennoch gründen viele Elemente des New Age in der Spiritualität und dem Denken Chinas, auch der Versuch, die besten Elemente anderer religiöser Traditionen zu akzeptieren und zu integrieren: z.B. die der Tugend zugrunde liegende Notwendigkeit, in Harmonie mit der Natur zu leben (im Gegensatz zum freien und in der Liebe begründeten Gehorsam dem Willen Gottes gegenüber, auf dem das christliche Leben gründet); eine positive Suche nach „Wohlstand" und nach einem langen Leben durch das Verständnis der Naturmedizin und der natürlichen Prozesse, die sich im menschlichen Körper und Geist abspielen; die Bedeutung, die der Beziehung zwischen Meister und Schüler, den religiösen Erfahrungen und den spirituellen Techniken beigemessen wird (im Gegensatz zu der Bedeutung, die im Christentum dem Glauben, den Dogmen und den Sakramenten zukommt).

New Age ist scheinbar tolerant gegenüber vielen verschiedenen religiösen Traditionen und gibt vor, das Beste aus allen religiösen und spirituellen Traditionen zu nehmen. Dies ist auch ein Merkmal der chinesischen Kultur. Es gibt ein bekanntes chinesisches Gemälde, auf dem sich Konfuzius, Lao Tze und Buddha an der Kreuzung dreier Straßen treffen. Auf den Gesichtern der Gründer dieser drei großen religiösen und ethischen Denksysteme ist ein Ausdruck von Heiterkeit und Freude wahrzunehmen. Dieses Gemälde verkörpert den Genius der chinesischen Kultur, d.h. die religiöse Toleranz, die es ihr ermöglicht hat, die besten – oder mindestens die für das chinesische Volk geeignetsten – Elemente des Konfuzianismus, des Taoismus und des Buddhismus zu integrieren (ganz abgesehen von der Debatte darüber, ob der Konfuzianismus als Religion angesehen werden kann). Vom Konfuzianismus haben die Chinesen die familiären und sozialen Tugenden der Ehrfurcht der Kinder gegenüber ihren Eltern und der Wohltätigkeit übernommen, vom Taoismus die Tugenden der Demut und der Spontaneität, vom Buddhismus den Sinn für ein „anderes Leben" (der im Konfuzianismus und im Taoismus verschleiert ist) sowie die Notwendigkeit, mittels der Askese, des Mitleids, der Demut und der Wohltätigkeit zu kämpfen, um die Sünde zu besiegen und zu höheren Graden der Vollkommenheit zu gelangen.

Es hat natürlich auch Kämpfe und Kriege gegeben, sowohl innerhalb, als auch zwischen den drei großen Systemen. Aber mit der Zeit hat jedes System seine eigene Rolle in der gesamten chinesischen Kultur gefunden. Für letztere besitzt die moralische Tugend den höchsten Wert, alle Religionen sind „gut", denn sie rufen die Menschen zur moralischen Tugend auf und oft liefern sie die spirituelle Disziplin, die das moralische Leben unterstützt. Zudem haben alle auf höchster intellektueller Ebene Elemente der anderen übernommen. Ein Beispiel: Der Konfuzianismus, der auf die praktische, für ein tugendhaftes Leben notwendige Weisheit ausgerichtet ist, wurde aufgrund des von den metaphysischen Systemen des Buddhismus ausgeübten Druckes gezwungen, eine vertiefte Reflexion voranzutragen. Der daraus hervorgegangene Neokonfuzianismus war das vorherrschende Denksystem Chinas bis zur Ankunft der neuen, westlichen Systeme im 19. und 20. Jahrhundert. Was die Volksreligion betrifft, kann man sagen, dass die chinesischen Tempel eine Mischung aus taoistischen und buddhistischen Heiligen, Symbolen und religiösen Praktiken sind.

Eine zweite wichtige Quelle im chinesischen Denken, aus der New Age schöpft, ist die Bedeutung, die einem Leben in Einklang mit der Natur und dem Kosmos beigemessen wird. "Die Lehrer und Therapien des New Age behaupten, den Schlüssel zu haben, um Zusammenhänge zwischen allen Elementen des Universums zu ergründen, der es den Menschen ermöglicht, die Klangfarbe ihres Lebens zu verändern und in Harmonie mit den anderen Menschen und mit allem, was sie umgibt, zu leben" (ebd., 2.2.2.). Aus der Sicht des New Age erlangt man eine gute Gesundheit und ist fähig, die eigenen Potentiale zu entwickeln, wenn man in Einklang mit der eignen Natur, also auch mit der inneren göttlichen Natur tritt. Dieser Akzent, der auf den Einklang mit der Natur gesetzt wird und nicht auf das freie, in Übereinstimmung mit dem Willen eines personalen, transzendenten Gottes vollzogene Handeln, ist eine weitere Charakteristik der Religion und des Denkens in China. Im Konfuzianismus unterscheidet die „moralische Natur" den Menschen vom Tier. Von daher ist es die edle Aufgabe des Menschen, sich in Einklang mit dieser bestehenden moralischen Natur zu bringen. Es muss aber sofort klärend hinzugefügt werden, dass der konfuzianische Einklang zur Umsetzung jener familiären Tugenden auffordert, die in den Augen der New Age Anhänger von sekundärer Bedeutung sind. Im Taoismus ist das Tao Anfang und Ende des Lebens. Das Tao enthält die Moralität und übersteigt sie gleichzeitig. Die Sendung der Menschen besteht darin, in Einklang zu kommen mit der übermäßig reichen Quelle des Lebens, der Güte, der Schönheit und der Wahrheit, die aus dem unaussprechlichen Tao hervorquillt, und ihr zu folgen. Der Buddhismus lehrt seine Jünger, nicht mit der Natur in Einklang zu treten, sondern mit dem Wesen des Buddha, das sich in unserem Innern befindet, mit der – auch von New Age verfolgten – Absicht, die Menschen auf eine höhere Ebene der Existenz zu bringen. Auch hier muss aber sofort hinzugefügt werden, dass es dem New Age offensichtlich an der dem Buddhismus typischen moralischen und religiösen Ernsthaftigkeit fehlt. Das für den Buddhismus typische strenge Verbot der Abtreibung und der außerehelichen Beziehungen findet z.B. unter den Anhängern des New Age kaum Beachtung.

Ein weiteres Interessengebiet der New Age Bewegung ist die Förderung der holistischen Gesundheit mit Hilfe von Techniken, die "von alten kulturellen, religiösen oder esoterischen Traditionen herrühren (...). New Age wirbt für eine große Bandbreite von Praktiken wie Akupunktur, Biofeedback, (...) Massagen, (…) Meditation und Visualisation, psychische Heilung, verschiedene Arten der Heilpflanzenkunde (...). New Age ist der Auffassung, dass die Quelle der Heilung in uns selbst liegt und dass wir sie erreichen können, indem wir mit unserer inneren Energie oder der kosmischen Energie in Kontakt treten" (ebd., 2.2.3.) Dieser gesundheitsbewusste Ansatz weist starke Ähnlichkeiten auf mit einigen Merkmalen der chinesischen Medizin, die in der taoistischen Tradition zu finden sind. Ein Aspekt des ursprünglichen Taoismus bestand u.a. in der Überzeugung, dass das Leben in sich gut ist. Man war der Auffassung, dass eine demütige Haltung im Handeln, aufgrund derer die Person versuchte, den letzten und dunkelsten Platz einzunehmen, die beste Weise sei, das eigene Leben zu schützen. Genau derjenige Baum, dessen Holz knotig und scheinbar nutzlos ist, wird nicht für den Hausbau gefällt und kann deshalb in Ruhe alt werden. Das Leben, d.h. das konkrete Leben in dieser Welt, ist wichtiger als die eigene Position, die Gesundheit oder der Ruf. In einigen späteren Formen des Taosimus verlagerte sich das Zentrum vom Einklang mit dem Tao zu der Suche nach verschiedenen Formen, das Leben zu nähren zu erhalten oder zu vermehren. In der Auffassung des New Age waren einige dieser Methoden ganz natürlich, andere waren magisch, wieder andere hatten manchmal satanische Tendenzen. Einige dieser späteren Formen des Taoismus haben sich sehr vom Naturalismus und der ursprünglichen Demut von Lao Tze entfernt.

Ein weiterer Punkt, der viele Anhänger des New Age interessiert, ist die Reinkarnation. Dieser Glaube hat seine Wurzeln im Hinduismus und ist über den Buddhismus nach China gelangt. Nach Auffassung der Reinkarnation bewohnt eine Seele oder ein übergeordnetes Bewusstsein eine Abfolge von Körpern. Im Buddhismus entspricht dies einem Kreislauf von Leid, in dem das Individuum entsprechend seines Verhaltens im vorangegangenen Leben vorwärts oder rückwärts geht. Nach dem Gesetz des Karma wird das schlechte Verhalten automatisch bestraft, oft mit einigen Milliarden von Jahren in der Hölle, bevor man den Aufstieg zum Nirwana wieder beginnen kann. Auch in diesem Fall hat New Age die chinesische Auffassung der Reinkarnation neu interpretiert: Sie wird „viel optimistischer als fortschreitender individueller Lern- und Vervollkommnungsprozess" gesehen, wobei „der Begriff der Hölle ausgeklammert" wird (ebd. 2.2.3.).

Für alle drei großen chinesischen Denksysteme ist in der religiösen und moralischen Erfahrung die Leitung eines Meisters der Schlüssel für die spirituelle Entwicklung. Im Gegensatz zum Christentum ist die Religion eine Frage von Erfahrung und nicht von Dogma. Auch New Age misst der spirituellen Erfahrung ein höheres Gewicht bei, als dem Dogma. Besonders im Buddhismus und im Taoismus sind zahlreiche Techniken zur Erlangung von spirituellen Erfahrungen entwickelt worden. Aber auch hier finden wir eine grundlegende Ernsthaftigkeit in den orientalischen Religionen, die die New Age Bewegung vermissen lässt. Um buddhistischer Meister zu werden, muss man im heutigen Taiwan eine lange Zeit der Vorbereitung und der moralischen Rechtschaffenheit durchlaufen. Einige der heutigen buddhistischen Meister Taiwans haben – ähnlich wie die Wüstenväter – zwischen 15 und 20 Jahre Askese und Meditation gelebt, bevor sie öffentlich zu geistlichen Führern wurden.

Bisher haben wir versucht, einige Element aufzuzeigen, die die New Age Bewegung von der Religion und dem Denken Chinas übernommen hat. Es wurde deutlich, dass einige Elemente des New Age Denkens zwar von den asiatischen Religionen übernommen wurden, aber im Kontext eines neuen Paradigmas verwendet werden, das sich nicht nur vom Christentum unterscheidet, sondern auch von Konfuzianismus, Taoismus und Buddhismus. Den Unterschied zwischen diesen Paradigmen könnte man wie folgt zusammenfassen: „Im Grunde hängt die Faszination des New Age mit dem Interesse am eigenen Ich, an seinem Wert, seinen Fähigkeiten und seinen Problemen zusammen. Während die traditionelle Religiosität sich an die Gemeinschaft anpasst, passt sich die von der Tradition losgelöste Spiritualität dem Individuum an. Die New Age Bewegung stammt ‚vom’ Ich , denn sie erleichtert die Feier dessen, was es sein und werden soll, und sie besteht ‚für’ das Ich, weil sie sich vom Vorherrschenden absetzt und dadurch die Identitätsprobleme anpacken kann, die durch konventionelle Lebensformen verursacht werden" (ebd., 2.4.) Es reicht ein Blick auf die traditionelle chinesische Kunst mit ihren vielfältigen Natur- und Gemeinschaftsabbildungen, in denen das Individuum nicht in den Vordergrund gerückt wird, um den Unterschied zwischen diesen traditionellen, die chinesische Kultur begründenden Formen der Spiritualität und denen des New Age festzustellen. New Age versucht die östlichen und westlichen Religionen zu integrieren. Wenn alle Religionen auf der besonderen religiösen Erfahrung und der spirituellen Erleuchtung ihrer menschlichen Gründer basierten, bestünde wenigstens die Hoffnung, dass New Age auf weltweiter Ebene verwirklicht, was China durch die Integration des Buddhismus, Konfuzianismus und Taoismus in seiner eigenen Kultur gelungen ist, und damit eine Synthese der besten Elemente jeder Religion in einer neuen, weltumspannenden Kultur schafft. Weil aber Jesus nicht nur ein Mensch war, sondern auch der unendliche Gott, werden die höchsten menschlichen Wahrheiten jeder Religion ihre vollkommene Synthese erst dann erlangen, wenn sie in die göttlichen Wahrheiten integriert sein werden, die vom fleischgewordenen Sohn Gottes offenbart wurden.