S. Em. Kardinal Georges Cottier OP

Dokument über "NEW AGE'

Man sollte nicht voreilig in der Säkularisierung den Leseschlüssel für alle wichtigen Phänomene der modernen Gesellschaft sehen. Die Säkularisierung hat eine Kehrseite, nämlich einen Wildwuchs an Religiosität, der verschiedene Spuren hinterlässt.

New Age ist eine dieser Spuren. Diese Bewegung ist in voller Expansion; auch Christen sind davon angezogen. Deshalb war es notwendig, dass der Päpstliche Rat für die Kultur und der Päpstliche Rat für den Interreligiösen Dialog gemeinsam ein Dokument zu diesem Thema veröffentlichten (3. Februar 2003). Der Text verfolgt eine pastorale Absicht. Er unterstreicht, wie wichtig es für die Christen ist, den eigenen Glauben, aber auch den Gesprächspartner gut zu kennen. Die Sache ist nicht so einfach, wie sie sich auf den ersten Blick darstellen mag, denn New Age zeigt sich wie ein „Fluidum von Glaubensinhalten, Therapien und Praktiken, die oft nach dem persönlichen Geschmack zusammengestellt werden, ohne dass man sich über die damit einhergehende Inkompatibilität oder Inkohärenz Sorgen macht". In diesem Sinne haben nicht alle Anhänger des New Age die gleichen Bedürfnisse. Dennoch kann man diese Bewegung nicht einfach mit einer Sekte gleich stellen.

Die Astrologen sind der Meinung, dass wir uns momentan im Zeitalter (engl. age) des Fisches befinden, das vom Christentum dominiert wird. Dieses Zeitalter wird nun einem neuen Zeitalter Platz machen, nämlich dem des Wassermannes, das von einer universellen Religion gekennzeichnet sein wird, in der alle religiösen Unterschiede verschwinden werden. Dieser Wechsel bedeutet nicht automatisch die Abkehr von allem Vorhergehenden. New Age orientiert sich an der Esoterik, dem Gnostizismus, der Theosophie, der Anthroposophie und dem Spiritismus. Der Eklektizismus ist ein anderer Charakterzug des New Age. Das ist aber kein Hinderungsgrund, einige Schwerpunkte herauszustellen, die seine Weltsicht ausmachen.

New Age will jeglichen Dualismus, d.h. jegliche Art von Unterscheidung überwinden. Dieser Prozess, der den grundlegenden Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf, zwischen Mensch und Natur und zwischen Geist und Materie negiert, wird Holismus genannt. Das vatikanische Dokument spricht deshalb zu Recht von einem „impliziten Pantheismus". Gott ist kein personaler Gott.

Deshalb versteht man die Affinität des New Age mit den östlichen Religionen. Man spricht von Reinkarnation und meint damit die Teilhabe an der Evolution des Kosmos, da es den Begriff der Sünde gar nicht gibt.

Zwei Psychologen haben einen entscheidenden Einfluss gehabt. Der erste ist William James, der die Religion auf eine religiöse Erfahrung reduziert hat. Der zweite ist Carl Gustav Jung, der den Begriff des kollektiven Unbewussten einführt, aber vor allem die Psychologie sakralisiert hat, indem er sie mit Inhalten der esoterischen Spekulation befrachtete.

Es geht also darum, das eigene Ego zu überwinden um das Göttliche zu werden, das in uns ist. Für niemanden gibt es eine geistliche Autorität, außer der eigenen inneren Erfahrung. In diesem Zusammenhang sind die verschiedenen angewandten Techniken zu verstehen.

Wir müssen noch auf zwei andere Punkte eingehen. Erstens, das Christentum wird als „patriarchalische" Religion kritisiert. Einige stellen dem Vatergott das Bild der Mutter Erde gegenüber. Die „göttliche Energie" wird oft „eristische Energie" genannt. Aber der Christus, um den es hier geht, ist nicht Jesus von Nazareth. Der Titel Christus wird jedem Menschen verliehen, der einen Bewusstseinsgrad erreicht, in dem er seine eigene Göttlichkeit erkennt und sich deshalb als „universaler Meister" betrachten kann. Aus dem Gesagten wird deutlich, dass die Hauptthesen des New Age mit dem Christentum unvereinbar sind und ihm sogar widersprechen.

Die erste Antwort, die wir also geben müssen, betrifft unsere eigene christliche Identität, nämlich die Anerkennung der Transzendenz Gottes. Dieser transzendente Gott ist nicht in sich selbst verschlossen, sondern er lädt den nach seinem Abbild geschaffenen Menschen ein, an seinem Leben, dem dreifaltigen Leben der göttlichen Personen teilzuhaben. Durch die Menschwerdung des einzigen Sohnes vom Vater treten wir in Gemeinschaft mit den göttlichen Personen ein. Deshalb begründet sich unser geistliches Leben auf der Gnade und es ist ein Dialog der Liebe zwischen den geschaffenen und den ungeschaffenen Personen.

Die zweite Antwort wird von der ersten getragen. Es ist in der Tat so, dass eine Zahl von Anhängern des New Age von einem aufrichtigen Wunsch nach Spiritualität gedrängt sind. Durch den Dialog sollte es aber möglich sein, dem anderen zu helfen, den zweideutigen und undefinierten und – um es klar zu sagen – den enttäuschenden Charakter des angestrebten Ideals zu verstehen: Worin besteht diese versprochene Harmonie?

Die Lehre ist größtenteils ein synkretisches Miteinander von Elementen alter Lehren, die lediglich einen neuen Anstrich bekommen haben.

Die größte Herausforderung liegt jedoch in der Negation der Gnade. In diesem Zusammenhang zitiert das Dokument die Geschichte mit der Samariterin im Johannesevangelium: „Wenn du wüsstest, worin die Gabe Gottes besteht (Joh 4,10).