von Bischof Prof. Dr. Gerhard
Ludwig Müller
Immer wieder gehen Bilder durch die
Medien von Gewalt, deren Ausgangspunkt in den vielfältigen Formen der
Ausländerfeindlichkeit, des verabscheuungswürdigen Antisemitismus und der
politischen, religiösen und gesellschaftlichen Intoleranz liegen. Besonders die
aggressiven Formen der Ausländerfeindlichkeit haben unterschiedliche Ursachen.
Seitdem gerade in den Mitgliedsländern
der Europäischen Gemeinschaft (EU) die Politik der geöffneten Grenzen zum
Markenzeichen eines zusammenwachsenden Europa geworden sind, sehen sich
Immigranten einer ablehnenden und skeptischen neuen Umgebung ausgesetzt. Das
„Fremde“, ein möglicherweise abweichendes religiöses Verhalten und die
kulturellen wie sprachlichen Barrieren sind für beide Seiten, den Einwanderer
und den Beheimateten eine oftmals zu große Herausforderung, die ein friedliches
Miteinander verhindert. Unweigerlich kommt es zu einer Art Ghettoisierung, zu
einem eng umschriebenen Ort und einem aus der gemeinsamen ethnischen Herkunft
definierten Raum, der den Immigranten ein Gefühl der Sicherheit, der
Geborgenheit in einer für sie fremden neuen Heimat verleiht.
Eine Sicherheit, die durch die
Bereitschaft zur Gewalt und zur ethnischen Ausgrenzung einiger Fanatiker
gefährdet wird. Sogenannte Neonazis werben in einigen europäischen Ländern
offen für Gewalt gegen Juden und Ausländer, organisieren Veranstaltungen und setzen
die neuen Medien für ihre Propaganda ein. Der Fanatismus hat viele Gesichter.
Linkspolitischer Terror oder rechtsradikaler Fremdenhaß ist vielleicht in der
Motivation verschieden, in der grausamen Wirklichkeit jedoch nicht voneinander
zu unterscheiden.
Die kulturellen und religiösen
Unterschiede können jedoch durch eine oberflächliche Politik multikultureller
Vermischung nicht verdeckt werden. Ein gelingendes Mit- und Nebeneinander kann
nur dann stattfinden, wenn die ernsthafte Auseinandersetzung mit den
Vorstellungen und Prägungen des je anderen erfolgt. Fanatismus und falsche
Integrationspolitik führen unweigerlich in Abgrenzung und mögliche Gewalt.
Fanatismus birgt aber noch eine Gefahr
für die geistige Entwicklung der Menschen in sich. Wer lediglich einen
Ausschnitt der Wirklichkeit als absolute Wahrheit erkennen möchte, verneint
jeden Fortschritt des Denkens und blockiert eine vertiefende Sicht der Wahrheit
in ihrer allgemeinen Normativität. Die Wahrheit ist universal, nicht
eingrenzbar in die Vorstellungen eines fanatisierten Weltbildes. Fanatismus ist
Ergebnis und Ausgangspunkt der geistigen Engführung des Menschen auf nur einen
Aspekt seiner eigenen Vorstellung. Gewalt, Intoleranz und Hass entspringen
einer fanatisierten Welt. Dort wo die Liebe zur Schöpfung und zum Menschen als
Ausdruck der Liebe Gottes zu uns Menschen verstanden wird, ist die Hinwendung
zum Nächsten gestaltet durch die Bereitschaft zur Vergebung, zur Gemeinschaft,
zum Suchen nach der Wahrheit, die Jesus Christus ist.